„Fachforum ePortfolio“ am 11.11.2011

Die studiumdigitale veranstaltet am 11.11.2011 ein Fachforum ePortfolio an dem ich gerne teilgenommen hätte, was aber daran scheitert, dass unser Weiterbildungsdurchgang im eTEACHiNG-Projekt just an diesem Freitag startet.

„Mit dem Fachforum ePortfolio möchten die Veranstalter Interessierten Gelegenheit geben, Konzeptionen zum Einsatz elektronischer Portfolios, Erfahrungen und Beispiele vorzustellen und auszutauschen. Die Anwendungsgebiete können dabei vom Schulunterricht bis zum Studium, Ausbildung und Erwachsenenbildung reichen. Neben konzeptionellen Überlegungen laden wir vor allem Praxisprojekte ein, die den Einsatz von ePortfolios kritisch reflektiert und evaluiert haben und von ersten Erfahrungen mit den Ansätzen berichten können. Neben ausführlicheren Vorträgen zu Erfahrungen, Evaluationen und Einsatzszenarien werden Poster und HandsOn-Präsentationen an einem Rechner vorgestellt.“

Das Programm ist nun online und verspricht wieder eine Reihe von Einblicken in die aktuelle E-Portfolio-Arbeit an Hochschulen. Nicht ganz gelungen scheint aber der Anspruch, den Blick gezielt über den Bereich der Hochschulen hinaus zu erweitern. Soweit ich das sehe, ist der einzige Beitrag, der sich nicht auf Hochschullehre bezieht, der Beitrag von Heike Müller-Seckin zur Anwendung des E-Portfolio in einer hochschuldidaktischen Weiterbildung. Das entspricht aber wohl auch dem Profil der aktuellen E-Portfolio-Landschaft – in den Schulen liegt der Schwerpunkt eher auf der „Portfolio-Arbeit“ ohne „E“, in Unternehmen und Erwachsenenbildung sind die E-Portfolio-Konzepte und Beispiele noch rar gesät.

Facebook-Nutzer: Die neue „Web Underclass“? – Weiteres zur Ökonomie des Web 2.0

Tim Schlotfeldt hat in seinem Blog auf einen Artikel im Guardian aufmerksam gemacht, in dem Adrian Short  

„sein Unbehagen gegenüber Facebook dargelegt und dabei die Kernpunkte schön zugespitzt formuliert. Nutzer kostenloser Webservices sieht er als „Web Underclass“, denn bei solchen Services ist man schlicht nicht der Kunde sondern man ist das Produkt. Facebooks Produkt sind die Userdaten, verkauft werden diese an die Werbeindustrie.“

Im Original-Artikel liest sich diese Aussage so:

„When you use a free web service you’re the underclass. At best you’re a guest. At worst you’re a beggar, couchsurfing the web and scavenging for crumbs. It’s a cliché but worth repeating: if you’re not paying for it, you’re aren’t the customer, you’re the product. Your individual account is probably worth very little to the service provider, so they’ll have no qualms whatsoever with tinkering with the service or even making radical changes in their interests rather than yours. If you don’t like it you’re welcome to leave. You may well not be able to take your content and data with you, and even if you can, all your URLs will be broken.“

Ich war froh zu lesen, das diese Erkenntnis nicht nur meiner eigenen Wahrnehmung entspricht, sondern sich als Teil eines Diskurses entwickelt, in dem die Nutzung freier Webservice mit sehr viel mehr kritischer Aufmerksamkeit bedacht wird, als bisher.
Aus meiner Sicht kann die Schlussfolgerung nur lauten, dass Social Software als Teil der Angebote von Bildungsinstitutionen begriffen werden sollte, die in Eigenregie und mit den entsprechenden nicht-kommerziellen Hintergrund betrieben werden müssen, um technologische Potentiale wirklich für Bildung zu erschließen. 

Forum eLearning am 27.10.2011 – „E-Portfolios in der Hochschulpraxis“

In der inzwischen sechsten Veranstaltung der Reihe „Forum eLearning“, die von FH Potsdam, Universität Potsdam und (neu hinzugekommen) der TH Wildau ausgerichtet wird, geht es am 27.10. um die Praxis der E-Portfolio Arbeit an Hochschulen. Als Gäste haben wir Herrn van den Berk vom Zentrum für Hochschul- und Weiterbildung (ZHW) und Herr Karbacher eingeladen, die an der Entwicklung und Implementation des E-Portfolio für die Hamburger Hochschulen mitwirken.

Termin: Donnerstag, 27.10.2011 – 15:00 bis 18:00 Uhr
Ort: Fachhochschule Potsdam; Campus Pappelallee Hauptgebäude;
Kleiner Hoersaal (HG 067), Pappelallee 8-9, 14469 Potsdam

Flyer der Veranstaltung
Die Teilnahme ist kostenfrei, um eine Anmeldung per Mail wird jedoch gebeten.

Digitale und analoge Medienkompetenz

Zwei Meldungen und ein Gedanke beschäftigen mich im Moment: Es geht um Medienkompetenz, digitale Schreibkompetenz und den aktuelle Aufschwung der Diskussion von „Lesestrategien“ und „Lesetechniken“. 

Da ist einmal die brandheiße Meldung des E-Learning-Expo-Portals, die gerade per Pressemitteilung bekannt geben, dass „Medienkompetenz der Engpass“ sei. Dabei nehmen sie Bezug zum Horizont-Report 2011 und da ich mich nicht entschließen konnte, mir einen frischen Account anzulegen, um dass Themen-Special der Messe zum Thema anzuschauen, habe ich direkt in die deutsche Version des Horizon-Reports 2011 geschaut, welchen das Hamburger Multimediakontor dankenswerterweise übersetzt und verbreitet hat.

Dort ist in der Zusammenfassung auf Seite 4 zu erfahren, dass Medienkompetenz als „Schlüsselqualifikation in jeder Fachdisziplin und Profession immer mehr an Bedeutung [gewinnt]. Diese Herausforderung, die erstmals 2008 festgehalten wurde, wurde von den Beiratsmitgliedern einhellig bestätigt.“ Es bestehe jedoch zwar „breiter Konsens darüber […] dass Medienkompetenz für die heutigen Studierenden lebenswichtig ist“, die Kompetenzen seien aber nicht ausreichend definiert, die Angebote für Studierende kämen zu langsam in Schwung und die „Herausforderung wird dadurch verschärft, dass digitale Technologien sich schneller verändern, als die Lehrplanentwicklung Schritt halten kann.“

Interessant finde ich hier, dass ausschließlich von den Studierenden als Adressaten der Medienkompetenz die Rede ist. Das mag an dem spezifischen Auftrag der Horizon-Beratungsgruppe liegen, könnte aber auch

auf dem klassischen Kurzschluss beruhen, dem viele pädagogische Steuerungsbemühungen unterliegen: Die pädagogische Intervention („Lehrplanentwicklung“) ist gleichbedeutend mit dem angestrebten „Lernen“ der Adressaten, dass jedoch leider von den Lehrenden mangels ausreichender Definition und Planung noch nicht optimal umgesetzt werden könne. Die Relevanz der Medienkompetenz für Studierende ist sicher unstrittig, gehört jedoch auf alle Akteure ausgedehnt: Auch für das E-Teaching (in Sinne von „Online-Lehre“) ist Medienkompetenz, die deutlich über eine „Bedienkompetenz“ hinausgeht, eine Voraussetzung für die Integration und Weiterentwicklung digitaler Medien in der Hochschullehre.

Den anderen Denkanstoss hat mir Stefan Iske unlängst mit einem Hinweis auf einen Artikel in der Medienpädagogik vermittelt, in dem die Erfahrungen von Hochschullehrenden mit E-Mail-Kommunikation aufgearbeitet und interpretiert werden. In dem Artikel gehen die drei AutorInnen davon aus, dass die konkrete Kommunikationspraxis sich nach einem „social identity model“ in und durch Interaktion konstituiert und in kultureller Praxis bestätigt. Sie kommen zu dem Schluss

„Solange jedoch die Referenzformen zu Beginn einer E-Mail-Kommunikation derart unterschiedlich  sind, solange die Erwartungshaltung bzw. die Reaktion  der  Adressat/innen ebenfalls einer heterogenen Praxis unterliegt, solange Normen dann ggf. in einem längeren Prozess innerhalb der jeweiligen digitalen Interaktion erst gemeinsam justiert werden müssen und dabei ohne Öffentlichkeitswirkung bleiben, solange bleibt die E-Mail als Textform wohl ein individualisierender «Selbstläufer»  mit  hohem  Auslegungsreichtum  und  weiterhin  bestehendem  Konfliktpotenzial bezüglich der Erwartungen an eine «gute» Mail.“ (Hoffmann, Keller, Pfeiffer, 2011, „Hallöchen Herr Professor! Überlegungen zur Normierungsproblematik in der E-Mail-Kommunikation am Beispiel des Hochschulkontextes“ in www.medienpaed.com)

Demnach dreht es sich nicht um einen Mangel an „E-Mail-Kompetenz“, sondern um einen Mangel an Abstimmung und Verhandlung in der gemeinsamen Kommunikationspraxis in einem neuen Medium, der zu den Mißverständnissen bzw. Mißstimmungen führt. Auch hier spielt ein Mangel an Definitionen und Klarheit eine Rolle, diesmal jedoch nicht nur auf Seiten der pädagogisch „Handlungsbevollmächtigten“, sondern als diagnostizierter Mangel an notwendigen Abstimmungsprozessen angesichts einer nicht ausreichend definierten Situation bei der Kommunikation mit einem neuen, fremden Medium. Medienkompetenz wird in dieser Sichtweise nicht nur als Defizit auf Seiten der Studierenden beschrieben, sondern als strukturelles Defizit, dass nur in einem Verständigungsprozess zu lösen wäre.

In Gedanken schließt sich daran meine Beobachtung an, dass im Zuge der sorgfältigeren Beachtung und Planung von Studieneingangsphasen an den Hochschulen, Lesetechniken und Lesestrategien verstärkt thematisiert werden. Das freut mich und gibt mir gleichzeitig zu denken. Begrüßenswert finde ich die Thematisierung von Studientechniken, da ich mich an meine eigene Studienzeit erinnere und daran, dass ich einen produktiveren Stil im Umgang mit wissenschaftlicher Literatur erst per glücklichem Zufall bei einem Auslandsaufenthalt kennen lernte. Die Tatsache, dass es vielfältige Möglichkeiten gibt, einen Text zu lesen, insbesondere, dass es erst mal völlig in Ordnung ist, wenn nicht jeder Bezug und jeder Gedankengang verstanden wird (dafür trifft man sich ja im Seminar), war mir schlicht neu und ich hätte von der früheren Kenntnis dieses Lesestils vermutlich profitiert. Was mich nachdenklich macht ist, dass es hier ja auch um eine „Medienkompetenz“ geht, die offensichtlich eine neue Relevanz erhält. In diesem Fall handelt es sich aber weder um ein „neues Medium“ noch gibt es einen Mangel an Definitionen, Methoden oder Techniken zu Lesekompetenzen.

Demnach könnten wir uns zwischen drei Haltungen entscheiden: a) Medienkompetenz kann nicht im gewünschten Maße ausgeweitet werden, weil planerisches und systematisches Wissen und Handeln zu wenig verankert sind. b) Medienkompetenz im Hinblick auf digitale Medien ist noch gar nicht definierbar, weil das notwendige Wissen um die Besonderheiten und Umgangsweisen mit digitalen Medien noch wenig entwickelt ist und stattdessen situativ hergestellt werden muss. Und c) anscheinend ist weder ersteres noch zweiteres ausschlaggebend, da ein Mangel an Kompetenz trotz verfügbaren Wissens und Methodik eintreten kann.

Was wären daraus für Schlussfolgerungen zu ziehen? Meines Erachtens nach bedeutet dies für die Diskussion um „E-Kompetenz“ von Studierenden und Lehrenden an Hochschulen folgendes:

  • Es mangelt nicht an Planung oder Definitionen, um Medienkompetenz bei den Beteiligten weiter zu entwickeln – der schon verlorene Wettlauf mit der technischen Entwicklung unterstreicht das.
  • Die umsichtige, situative und im Modus gleichberechtigter Kommunikation herzustellenden konkreten Handlungsweisen und Selbstverständigungsprozesse stellen die erfolgsversprechenste Art und Weise dar, die empfundene Leerstelle „Medienkompetenz“ zu füllen.
  • Das wird aber auch nichts nützen, wenn es nicht mit der Bemühung einhergeht, Bedingungen und Rahmungen zu schaffen, in denen die Prozesse der Verständigung und gemeinsamen Herstellung von Medienkompetenz in der Hochschule verstetigt werden können, unabhängig von einem spezifischem Medium.

Kann man sich der Cloud anvertrauen?

Graham Attwell berichtet in seinem Blog von den Unwägbarkeiten, die einen beim Arbeiten in der Cloud ereilen können, E-Mails weg, Dokumente nicht mehr erreichbar, weil Google nicht in der Lage ist, mehrere Accountzugänge sauber zu managen – das private Backup hat dafür gesorgt, dass es für ihn nicht zum digitalen GAU wurde.

„OK – I gave in and setup the account again. Fortunately my amails were on another account. I lost my feed reader but it needed pruneing anyway. I lost access to about 200 documents although once more only about eight or ten were in current use and I had backups of the rest. Oh – and I lost access to 500 or so followers on Google plus. None of this too much of a tragedy. But it has made me think again about the cloud. If Google can screw up accounts then so can anyone else. And so whilst Cloud services can be very useful, i think I want to keep backups of my data on my computer for the moment.“

Für mich ist das ein weitere Hinweis darauf, einem allzu sorglosem Umgang mit „Umsonst-Diensten“ für Bildungszwecke zu bedenken. Techniken sind evtl. nicht ausgereift und einen wirklichen Support kann man nicht erwarten. Die Cloud scheint mir vorerst nur der Mobilität und Kooperation dienlich, ersetzt aber noch keine eigene Datenhaltungsanstrengungen. Von daher wäre es die konsequente Forderung, dass sich Hochschulen und Bildungseinrichtungen ein Herz und die notwendigen Ressourcen fassen und Social-Software-Dienste in Eigenregie anbieten, so wie dies schon mit der Etherpad-Software an der TU Graz geschieht und wie es z.B. die TH Wildau in Brandenburg anbietet.

Die Strategie strategisch denken…

Letzte Woche hatten wir „Strategie-Tag“ mit den Mitarbeiter(inne)n der AG eLEARNiNG. Schön, mal einen ganzen Tag Zeit zu haben, an der Weiterentwicklung der eignen Programmatik zu werkeln. Das ganze hatte die Form einer Zukunftswerkstatt und es kamen eine Reihe Ideen und Gedanken zusammen, die uns mit Sicherheit helfen werden, in der zukünftigen Strategiedebatte zum E-Learning an der Uni Potsdam einen Beitrag zu leisten. Aber es wurde mir auch klar, in wievielen Spannungsfeldern wir stehen, die sich zunächst nicht in eindeutige Handlungsempfehlungen oder Positionen zusammenfassen lassen, z.B.

  • E-Learning an einer Hochschule braucht ein gut erkennbares „Gesicht“ und eine, für die Ratsuchenden schnell erkennbare Struktur versus E-Learning ist heute von Vielfalt und Interdisziplinarität geprägt und lässt sich vermutlich nur schwer in „eindeutigen“ Strukturen abbilden. Vieles Spannendes kommt eher vom „Rand“ der Community.
  • E-Learning sollte in den Uni-Strukturen als „Regelaufgabe“ verankert sein – einschließich der notwendigen Grundfinanzierungn und klar geregelter Kompetenzen versus die zuständigen Stellen und Verantwortlichkeiten brauchen einen dynamischen Charakter, der Schwerpunkt der Entwicklung kann phasenweise in der Didaktik, Informatik oder Medienproduktion liegen und die Strukturen müssen offen für Veränderungen bleiben.
  • Schwerpunkt der Entwicklung soll die mediendidaktische Weiterentwicklung und Qualitätsentwicklung im E-Learning sein versus Online-Dienste sollten weiter ausgebaut werden und die technische Entwicklung hin zu wirklich nutzerfreundlichen Diensten muss vorangetrieben werden.

Vermutlich gehören diese Spannungsfelder zum kleinen Einmaleins der strategischen Probleme von Serviceeinrichtungen an Hochschulen, die den erfahrenen Leser(inn)en höchstens ein Schmunzeln entlocken. Mir ist jedenfalls nochmal klar geworden, dass es nicht ausreicht, die strategischen Entwicklungslinien zu erkennen und zu benennen. Es gilt, aus den möglichen Entwicklungslinien richtige Auswahl zu treffen und dabei die konkreten Randbedingungen zu berücksichtigen: Die Strategieentwicklung im E-Learning muss strategisch vor dem Hintergrund der Hochschulstrategie gedacht werden.

„E-Portfolio Didaktik“ by Ilona Buchem

In diesem Vortrag hat Ilona Buchem vom Projekt mediencommunity 2.0 auf dem letzten Neztwerktreffen der E-Portfolio-Initiative Berlin-Brandenburg ihre Lehrveranstaltung zum Thema „Web 2.0 und Gesellschaft“ vorgestellt. Ich habe einen der Organisation geschuldeten knappen, erfahrungsgesättigter Überblick zur Durchführung einer Lehrveranstaltungen mit Hilfe von E-Portfolios über, mit und im Web 2.0 bekommen. Die Vortragsfolien geben leider nur den strukturellen Teil wieder, der aber den ein oder die andere PraktikerIn interessieren könnte, daher hier:

„Im Web ist nichts umsonst“ – Anmerkungen zu Web 2.0, Bildung und Medienkompetenz

Aktueller Anlass für dieses Post ist die kurze, engagierte Diskussion unter Hochschullehrenden auf dem Workshop der Hochschule für Telekommunikation Leizpig (HfTL) Ende September, die ich miterleben dürfte. Dort stand (wie des öfteren in den letzten Jahren) die Frage im Raum, wie sich die Netzwerke und Kommunikationszusammenhänge, die in Social-Software (SoSo)-Portalen (also: „Facebook“) für die Unterstützung von Lehr- und Lernprozesse nutzen lassen könnten.
Die Diskussion bildete das Spannungsfeld ab, in die sich ähnlich gelagerte Diskussionen zumeist bewegen: Am einen Pol die Haltung, sich der Dienste und Prozesse, die das Web 2.0 bietet, anzunehmen und deren Potential für bildungsbezogene Zusammenhänge zu nutzen. Am anderen Pol die Position, dass den „Kraken“ Google, Facebook & Co mit dem gebührenden Mißtrauen begegnet werden müsse und darauf verweisend, dass es nicht angehe, die Nutzung kommerziell und juristisch diffuser Geschäftmodelle zu unterstützen. Am Ende der Diskussion stand die Aussage „Im Netz ist nichts umsonst“ im Raum. Mich hat diese Diskussion beeindruckt, weil sowohl Offenheit für das Neue wie Kritikfähigkeit desselben spürbar waren. Für mich war die Diskussion auch Anlass, meine Positionen und offenen Fragen zum Thema „Web 2.0 / Social Software in der Hochschule“ zu sortieren. Das sieht dann

(vorläufig) so aus:

  • Es sollte in Begriffsbestimmung und Wortwahl zwischen „Web 2.0“ und „Social Software“ unterschieden werden. Mit „Web 2.0“ würde ich die heutige Netzkultur bezeichnen und in diesen Begriff alle kreativen, produktiven, kommerziellen, pädagogischen, ideologischen und sonstigen Bedeutungszusammenhänge mit aufnehmen, die zur Beschreibung einer lebendigen, zeitgenössischen Medienkultur beitragen können. „Social Software“ ist hingegen am besten als medientechnologisches System zu beschreiben – in gewissem Sinne also schlicht „die Software“ (die als Artefakt gesellschaftlicher Arbeit allerdings auch nicht im Sinne einer neutralen „Technik“ verstanden werden kann). SoSo zu nutzen ist nicht das gleiche, wie „das Web 2.0“ zu nutzen – und sollte daher auch nicht durcheinandergebracht werden. Die Begriffsverwirrung droht sich zu verschärfen, da lt. Wikipedia der Begriff „Web 2.0“ allmählich durch den Begriff „Social Media“ ersetzt werde.
  • An die Anwendung des Web 2.0  im Bildungsbereich wird vielfach die Diskussion um das „informelle Lernen“ geknüpft. Die Argumentation verläuft dann, so wie ich sie wahrnehme, entlang folgender Kette: A) Die Menschen lernen kontinuierlich informell mit und im Web. B) Das formelle Lernen (z.B. in der Hochschule) steht vor großen Herausforderungen für die neue Lösungen gesucht werden müssen. Also C) sollten wir die informellen Lernprozesse für das formelle Lernen erschließen. Dieser Argumentation konnte ich noch nie ganz folgen: Wenn informelle Lernprozesse in formale Kontexte eingebunden werden, dann werden sie formalisiert – sind ergo keine informellen Lernprozesse mehr. Und dass merken auch die adressierten „Lernenden“ – sie ziehen sich nämlich aus den formalisierten, ehemals informellen Kontexten zurück. Kurz gesagt: Das informelle Lernen ist das Lernen, dass wir nicht formalisieren können – mit und ohne Web 2.0.
  • Um das Web 2.0 als Phänomen zu fassen den Einfluss und Einsatz in Bildungszusammenhängen richtig bewerten zu können, sollte der Blick „über den Tellerrand“ gerichtet werden. Es müssten also die technopolitischen, medienkulturellen und ökonomischen Zusammenhänge stärker in den Blick geonmmen werden. Insbesondere die ökonomische Seite des Web 2.0 scheint mir mehr wenig berücksichtigt. Es gibt auch überraschend wenig im Netz zu diesem Thema und das Vorhandene beschreibt das Phänomen in der Regel aus betriebswirtschaftlichen Perspektiven (z.B. „Enterprise 2.0“, Web-Marketing) . Mir scheint der Kernsatz der Ökonomie des Web 2.0, dass die Nutzer nicht die „Kunden“ sind, sondern dass sie das Produkt bzw. die Grundlage der Unternehmenswerte darstellen. „Viele Nutzer – hoher Unternehmenswert“. Was dies für Bildungs- und Kommunikationsprozesse bedeutet, die sich in dieser Sphäre abspielen, ist mir zumindest noch wenig deutlich. „Im Netz ist nichts umsonst“ – aber in welcher Form werden hier Werte übertragen, kumuliert und kapitalisiert? Und was bedeutet das für die „Netzkultur“?
  • „Im Netz ist nichts umsonst“ – wirklich nicht? Einerseits ist Web 2.0 augenscheinlich vor allem „Business“ und ich bin sehr dafür, diese Ökonomie eingehender und mit dem Blick der Pädagog(inn)en zu erfassen und zu bewerten. Andererseits bietet die Ökonomie des Netzes aber offensichtlich auch neue Möglichkeiten der Produktion und Distribution von Werten jenseits kommerzieller Interessen. „Open Content“ und „Open Educational Ressources“ sind hier vielleicht die besten Beispiele und Ansatzpunkte einer neuen ökonomischen Denkart.

Es gibt viele gute Argumente dafür sich der Social Software offen und gestaltend zu nähern, sie in Lehr-/Lern-Szenarien einzubinden und mit den gemachten Erfahrungen und Erkenntnissen weiter am Projekt „E-Learning“ zu arbeiten. Darüber hinaus kenne ich auch niemanden, der oder die als Anhänger(in) einer technozentristischen, unkritischen Haltung gegenüber Web 2.0 – Technologien und deren Einsatz in der Hochschule bezeichnet werden könnte. Ich meine aber auch, dass viele Diskussionen anzeigen, dass Medienkompetenz im „klassischen“ (Baacke’schen) Sinne, nämlich als Vierklang aus Medienkunde, Mediennutzung, Medienkritik und Mediengestaltung in der Auseinandersetzung mit dem Web 2.0 eine größere Rolle spielen sollten. Dabei scheinen mir gerade Medienkunde (nämlich z.B. das Wissen um die wirtschaftlichen Zusammenhänge von Web 2.0-Diensten) und Medienkritik (nämlich die krische Einordnung und in-Beziehung-setzten dieser Zusammenhänge mit einem – unserem – Bildungsbegriff) diejenigen Dimensionen die wir stärker berücksichtigen müssten.