Studierende lieben gute Lehre mit digitalen Medien

Die Bertelsmann Stiftung hat, maßgeblich durch das mmb Institut erstellt, den zweiten Band des „Monitor digitale Bildung“ mit dem Untertitel „Die Hochschulen im digitalen Zeitalter“ herausgegeben

 

Die Studie basiert auf den Aussagen von über 2.759 Studierenden, 662 Lehrenden und 84 Personen aus Hochschulleitung und -verwaltung und darf damit wohl als eine der größten und fundiertesten Befragungen zum Thema in jüngster Zeit gelten.
Zur Zusammenfassung der Studie schreibt die Bertelsmann-Stifung

„Die Digitalisierung ist für die Hochschulen kein neues Thema mehr, sie sind im digitalen Zeitalter angekommen. Die bisherigen Anstrengungen haben aber auch noch nicht ausgereicht, um einen flächendeckend guten Standard in Sachen digitaler Lehre zu etablieren.“ 

Das klingt zunächst nicht spektakulär und deckt sich mit dem Eindruck, den z.B. die Abschlusskonferenz der ersten Runde des Hochschulforums Digitalisierung im Dezember 2016 hinterlassen hatte.

Lieben Studierende die Kreidetafel? – Keine Digital Natives in Sicht…

 

aus dem dhv-Newsletter

Die Aufmacher mit dem die Studie zur Zeit rezipiert wird klingen hingegen anders: „Studenten lieben die gute alte Tafel […] Deutschen Studenten ist es mehrheitlich egal, ob Dozenten an der Uni digitale Medien einsetzen.“ schreibt FAZ.net, „Vorliebe für die
Kreidetafel“ der dhv-Newsletter und das Hochschulforum Digitalisierung titelt „Studierende sind keine digitalen Enthusiasten“.

Und tatsächlich: Einen Dämpfer erhalten laut der Studie diejenigen, die bei der Digitalisierung der Lehre auf die Studierenden als aktive Beteiligte setzen, die als neue Generation (vgl. Marc Prensky’s initalen Artikel zu den Digital Natives ) den Lehrenden und der Hochschule Druck zur Digitalisierung machen und mit neuen Mediennutzungsgewohnheiten (nicht nur) die Hochschulen „von unten“ aufmischen. Denn die Studierenden scheinen lt. der Studie den Einsatz von klassischen Unterrichtsmitteln und die Fachlichkeit der Dozent*innen mindestens genauso hoch zu schätzen wie den avancierten Medieneinsatz. Hoch geschätzt von Studierenden wird die Flexibilität, die das E-Learning ermöglicht, der Wunsch ist hoch, dass Dozent*innen öfter etwas Neues ausprobieren. Dafür ist – auch wenig verwunderlich – die aktive Erstellung von Medieninhalten bei den Studierenden weniger beliebt. In der Studie wird dazu folgendes ausgeführt:

Es trifft auf jeden Fall nicht zu, dass Studierende allein wegen ihrer allgemein verbreiteten Nutzung des Internets, sozialer und mobiler Medien auch beim Lernen und Studieren digitale Medien und Formate präferieren. Zwar wünscht sich eine deutliche Mehrheit der Studierenden (über 80 Prozent) digitale Medien und Videoangebote rund um die Lehrveranstaltung (nicht zuletzt deshalb, weil Lernangebote dadurch selbstständig ausgewählt und genutzt können). Traditionelle akademische Lehrformate, die ohne digitalen Medieneinsatz auskommen, lehnen sie aber deswegen nicht gleich ab.“ (Seite 34-35)

Nochmal zum mitlesen: Sie präferieren digitale Formate nicht gegenüber der Präsenzlehre aber sie lehnen diese nicht ab, sondern wünschen sich tendentiell sogar mehr davon. Sinn machen diese Aussagen dann aus meiner Sicht, wenn diese im Kontext der Studie betrachtet werden und dort lauten Kernaussagen zum Beispiel:

  • Die didaktische Potentiale bleiben oft ungenutzt.
  • Bei Lehrenden dominiert oft noch die Skepsis.
  • Hochschulleitungen sehen Potentiale für mehr Effizienz angesichts des Zustroms und der Heterogenität der Studierenden: Individuellere, differenziertere Durchführung sowie bessere Analysemöglichkeiten der Lehre scheinen möglich.

Eine entscheidende Aussage lautet, das sich Leitungen und Verwaltungen in Hochschulen
in zwei gleich große Lager teilen: „Digitale“ Verfechter und „analoge“ Skeptiker (wobei es sehr schade ist, dass hier wieder auf das unselige „analog vs. digital“ zurückgegriffen wird).

Studierende lieben gute Lehre, in allen Medienformaten

Alternativ zu „Studierende lieben die Kreidetafel“ können die Ergebnisse denn auch so interpretiert werden:

  • Studierende sind keine Treiber der Entwicklung sondern Nutzer! Studierende möchten vor allem eines: Gute Lehre, unabhängig vom Medium. Sie möchten aber die Vorteile des E-Learning nicht missen.
  • Die Schlüsselrolle liegt bei den Lehrenden: Wo es keine Angebote gibt, gibt es keine Nutzer. Gleichzeitig ist bei der didaktischen Qualität der Angebote noch viel Luft nach oben.
  • Sorgen sollte einem eher die Aussage machen, dass die Hälfte (!) der Hochschulleitungen und Mitarbeiter in Hochschulen dem E-Learning skeptisch bis ablehnend gegenüberstehen. Das ist wirklich ein Problem: Nicht um das E-Learning um des E-Learning willen einzuführen, sondern um dessen didaktischen Qualitäten überhaupt entwickeln zu können.

Blackbox Selbststudium: Aktivierende Hinweise für Lehrende

Im Blog „Impulswerkstatt Lehrqualität“ der Uni Freiburg wurden in den letzten Wochen in einer kleinen Reihe die Ergebnisse einer Interventionsstudie vorgestellt. Ziel der Studie, schreiben die AutorInnen Kristin Wäschle, Matthias Nückles und Siegfried Fink war es

http://blog.lehrentwicklung.uni-freiburg.de/2014/05/blackbox-selbststudium-selbstbeobachtung-des-eigenen-prokrastinationsverhaltens/„…leicht umsetzbare Interventionsmöglichkeiten abzuleiten und zu evaluieren. Dabei wurden sowohl Interventionen beleuchtet, die bei den Lernenden ansetzen als auch solche, die Veränderungen in der Lehre beinhalteten.“

Dabei setzten die AutorInnen da an, wo sie in der Vorläuferstudie Blackbox Selbststudium (2012) aufhörten: Bei der Annahme, dass Selbstwirksamkeit („die Überzeugung, den Aufgaben im Studium gewachsen zu sein“) durch Dozierende gezielt unterstützt werden kann. Die Interventionen sind unterschiedlicher Natur von der Vermittlung von Fähigkeiten, Lernziele zu formulieren bis zu grafischem Feedback anhand eines „Prokrastinations-Logs“. Die Artikelreihe enthält eine Reihe von differenzierten Einsichten und konkreten Anregungen zu Themen wie aktivierende Lehre in Großveranstaltungen, Setzen von Lehrzielen, Einsatz von regelmäßigen Tests und der Gestaltung von Tutorien die sich aus den Evaluationen dieser Maßnahmen ergeben haben.

Studie entzaubert E-Learning

„E-Learning“ ist ja bekanntermaßen kein besonders gut definierter Begriff. Wenn also eine Pressemitteilung mit der „Entzauberung“ desselben um Aufmerksamkeit wirbt, liegt die Frage nahe, um was es da eigentlich geht. In erster Linie geht es um eine Pressemeldung zur Ankündigung der Veröffentlichung einer Promotion von der Uni Rostock, die via idw-Newsfeed Verbreitung gefunden hat. Der Inhalt ist entsprechend pressemitteilungsmäßig knapp und komprimiert und besagt ungefähr folgendes: Frau Dr. des. Wigger hat eine Feldstudie zur „Wirksamkeit von Blended Learning in der Hochschule“ durchgeführt, was für sich genommen ein relevantes Vorhaben darstellt, auf dessen Ergebnisse man gespannt sein darf – wenn die Studie dann veröffentlicht ist, was für Ende des Jahres geplant ist. So lange wollte die Abteilung für Presse und Öffentlichkeitsarbeit der Uni Rostock aber nicht warten:

„Ihr [Frau Wiggers] ernüchterndes Fazit: ‚E-Learning-Studierende würden lieber Präsenzveranstaltungen besuchen und konventionell Studierende sind fachlich besser.‘ Die befragten Studentinnen und Studenten machen dafür das ungewohnte, vollständig eigenständige Arbeiten und den damit verbundenen Zeitaufwand verantwortlich. Sie schätzen die untersuchten Fächer als zu schwierig für das selbstständige Lernen ein. Insbesondere Studienanfänger fühlten sich durch das E-Learning überfordert.“

Ergebnis der Studie sei also, dass „E-Learning-Studierende“ überfordert und E-Learning daher ungeliebt sei. Damit wird jedoch natürlich eine ganz bestimmte Spielart des E-Learning beschrieben, bzw. nur ein ganz bestimmtes Setting, nämlich das mehr oder weniger vollständig online und asynchron stattfindende E-Learning, beispielsweise eines xMOOCs. Verwirrenderweise geht es laut Titel der Arbeit aber um „Blended Learning“ – also definitionsgemäß ein „gemischtes“ Setting, dass eben genau nicht nur auf Selbstorganisation und Selbststudium beruht, sondern mit anderen Formaten der Lehre durchsetzt ist. Einmal auf diesen impliziten Begriff des E-Learning reduziert machen auch die folgenden Sätze Sinn:

„Zwei Schlussfolgerungen liegen nahe:

  • Die Schule bereitet nicht hinreichend auf das eigenständige Arbeiten vor. Deshalb sollten die Hochschulen ihre Studierenden unterstützen und zumindest anfänglich gezielte Angebote zum Zeitmanagement und zu Lerntechniken machen.
  • E-Learning darf an Hochschulen nicht weiter nach dem Gießkannenprinzip gefördert werden. Es sollte eine Beschränkung auf Fächergruppen, für die E-Learning pädagogisch geeignet ist, und auf höhere Fachsemester erfolgen.“

Da regt sich Widerspruch bei mir, denn

  • erstens lösen „Zeitmanagement und Lerntechniken“ in der Regel nicht das Problem der Studierenden mit der Selbstorganisation, da wären auch andere Ansätze in der Lehre und Lehrorganisation selber notwendig (vgl.  die Zeitlast-Studie von Schulmeiser et al.)
  • zweitens würde eine „Beschränkung“ auf Fächergruppen oder Semesterstufen das Problem auch nicht angehen sondern einfach Teile der Studierenden von der geforderten Selbstorganisation „entlasten“ – die Möglichkeit E-Learning angemessen zu gestalten, wird ausgeblendet.

Das Problem ist, dass diese Pressemitteilung genau das unterstützt, was sie kritisiert: Sie prolongiert einen einseitigen, engen, den Bedarfen von Studierenden nicht entsprechenden Begriff von „E-Learning“ und stellt dann fest, dass dieser nicht zum Nutzen des Studiums ist. Wesentlich differenzierter klingt es, wenn die Autorin selbst zu Wort kommt:

„Meine Untersuchung versteht sich als Problemindikator. Die aufgezeigten Schwierigkeiten müssen nicht zwingend in jedem als E-Learning angebotenen Studiengangsmodul auftreten, da die Disziplinen sehr unterschiedlich sind“, macht Christina Wigger deutlich. Eines aber steht fest: „E-Learning kann die konventionelle Lehre nicht ersetzen, nur fachspezifisch in ausgewählten Modulen ergänzen und vertiefen.“

Das kann man – vielleicht mit Abstrichen – unterschreiben, neu ist es aber nicht und Zauberei auch nicht.

Was frustiert Lernende in kooperativen Online-Szenarien? Vorstellung einer Studie in der IRRODL

In der International Review of Research in Open and Distance Learning (IRRODL)  haben Neus Capdeferro und Margarida Romero eine Studie vorgestellt, die sich der Frage widmet, durch „welche Faktoren Lernende in kooperativen Szenarien frustriert“ werden. Abgesehen davon, dass ich es ja immer mutig und fruchtbar finde, wenn sich auch die Forschung dezidiert negativen Erfahrungen und Phänomenen widmet, können die Ergebnisse m.E. bedenkenswerte Impulse liefern. Spitzenreiter in den Antworten ist die „Commitment imbalance“, was ich in diesem Kontext frei mit „ungleich verteiltem Einsatz“ bzw. „Beteiligung“ im weiteren Sinne, übersetzen würde. Das Ergebnis mag nicht überraschen, deckt es sich doch mit einer Reihe meiner alltagsweltlichen E-Teaching Erfahrungen – der eigenen wie den zugetragenen. 

Die Autorinnen schlussfolgern aus ihrer Untersuchung u.a. die Empfehlung, dass die Anforderungen,
Erwartungen und Methoden des selbstorganisierten, kooperativen Arbeitens zu Beginn eines Kurses klar(er) kommuniziert werden müssen. Das hier ein weiterer Widerspruch verborgen sein kann, könnte aus dem Teilergebnis gefolgert werden, dass ein „Mangel an Unterstützung und Orientierung“ durch die DozentInnen von den Befragten nur zu einem geringen Teil bemängelt wird.
Eine weitere Schlussfolgerung liegt für mich darin, dass jenes, in den Communities of Practice als „normal“ empfundene, „Lurker-Phänomen“ in zielorientierten Settings ein Hemmschuh sein kann. 

Eine weitere Frage, die sich aus meiner Sicht daran anschließt ist – und eventuell bewege ich mich damit auf eine pädagogische No-Go-Area zu – ob die, wahrscheinlich kaum appelativ und kommunikativ zu veränderende Bereitschaft (und in den meisten Fällen wohl auch „Möglichkeit“) der aktiveren Teilnahme an kooperativen Settings nicht in der Organisation der Arbeit berücksichtigt werden sollte / kann / darf? Müssen wirklich alle Teilnehmenden unter den gleichen Anforderungen in der Veranstaltung arbeiten, wenn doch klar sein dürfte, dass (wenn man sich auf die Studie bezieht) ca. drei Viertel sich so einbringen, dass das verbliebende Viertel darunter leidet? Kann auch hier eine „Binnendifferenzierung“ gedacht werden, die – natürlich unter transparenten und fairen Bedingungen – eine unterschiedlich intensive Mitarbeit ermöglicht, ohne das Lehrende und Studierende dadurch frustriert werden? Bietet E-Learning evtl. nicht nur Möglichkeiten für unterschiedliche kognitive Lerntypen, sondern auch für unterschiedliche „Arbeitsstile“? Ich werde diesen Gedanken jedenfalls weiter verfolgen und insbesondere bei der Frage nach der Online-Unterstützung in den berühmten „großen“ Veranstaltungen gezielt mit Lehrenden aufgreifen und in die Diskussion einbringen.