Open Science, Open Educational Resources & Open Access: Change and Challenge

In der vergangenen Woche konnte ich die Open Science Conference 2017 in Berlin besuchen, unter anderem um das Poster zu präsentieren, dass wir aus dem Kreis des GMW-Vorstands eingereicht hatten (Hier gibt es das Poster und die Kurzpräsentation). Auf der gut besuchten, gut gelaunten Konferenz (Rückblicke gibt es hier und hier) waren es zwei Begriffe, die in fast jeder Keynote, jedem Beitrag auftauchten und die für mich zu der gerade herrschenden 4.0-Hurra-Stimmung eine wichtige Ergänzung sind: Change & Challenge ist ein gutes Begriffspaar, wenn auf den Punkt gebracht werden soll, was das Prinzip der digitalen Offenheit für Wissenschaft, Bildung und Gesellschaft bedeutet und bedeuten sollte.

Change Ahead

MAX System Change Ahead
Foto: Jason McHuff

Der Change bezieht sich auf den ökonomischen und kulturellen Wandel der mit der Digitalisierung einhergeht. Explosionsartige Vermehrung von Information und potentiellem Wissen, Verdatung immer weiterer Teile unserer Welt, allgegenwärtige Vernetzung und fortschreitende Automatisierung verändern natürlich auch die Grundlagen und Praktiken des wissenschaftlichen Forschungs- und Publikationssystems. Open Science, Open Data und Open Access sind Ausdruck eines sich wandelnden Wissenschaftsverständnis, das auf freiem Austausch von Information und Wissen, Transparenz der Strukturen und Interesssen sowie horizontalen Peer-Strukturen beruht.
Das sind nicht mehr nur die Träume einer kalifornischen Nerd-Kultur, Hintergrund dieser Entwicklung ist, dass einer sich expansiv verstehenden Wissenschaft gar nichts anderes übrigbleiben wird, als die Gestaltung einer neuen Wissensordnung unter den Bedingungen und mit Hilfe der Werkzeuge der Digitalisierung in Angriff zu nehmen. Ein Zurück zu vordigitalen Verhältnissen ist nicht machbar, es gilt die neuen Möglichkeiten zu nutzen. Und so werden auch viele handfeste Projekte vorangetrieben um die Infrastrukturen, organisatorische Voraussetzungen und Prozesse zu schaffen, die den Austausch und die Kooperation ermöglichen, zum Beispiel das GeRDI-Projekt, dass die Vernetzung von Forschungsdatenzentren vorantreiben will. Mit der europäischen Wissenschafts-Cloud hat auch die Europäische Kommission ein politisches Zeichen gesetzt und eine technologische Zielvision formuliert. Dieser Wandel ist in vollem Gange, seine Auswirkungen auf Forschungs- und Wissenschaftsverständnis sind nach wie vor offen, sicher ist aber, dass im Ergebnis ein Wissenschafts- und Forschungssystem da sein wird, dass mit dem was wir heute kennen, nicht mehr viel zu tun haben wird.

There are no Problems…

Challenges bezieht sich auf die Möglichkeiten und Risiken, die es im Zusammenhang mit einer offenen Wissens- und Bildungskultur zu realisieren bzw. zu vermeiden gilt. Das eigentliche Risiko, so wie ich das sehe, ist hier eigentlich
nicht, dass der „Wandel“ nicht stattfindet (das ist in einer neuen Wissenskultur quasi unvermeidbar), sondern das in dem Bereich der Lehr-/Lernkultur einfach nichts geschieht: Open-Educational-Ressources gehören zwar scheinbar natürlich zu den „drei O’s“ aus Open-Science, Open-Access und Open-Educational-Resources aber von einem mühelosen Übergang bzw. einer sich gegenseitig stützenden Dynamik wie im Forschungs- und Publikationssystem kann (noch) keine Rede sein. Der Grund dafür ist bekannt: Die Herausforderungen beziehen sich hier nicht auf einen Prozess der technologischen Innovierung, sondern der technologische Wandel unterstreicht dringlich die Notwendigkeit, Lehren und Lernen nicht nur neu zu denken, sondern eine neue Praxis zu entwickeln. Das ist keine Neuigkeit: Der „Shift from Teaching to Learning“, die Realisierung von Kompetenz-, Studierenden- und Subjektorientierung ist als Zielvorstellung schon seit 20 Jahren in der Diskussion – alleine die Frage, wie dies in Schulen, Hochschulen und anderen Bereichen zu Verankern sei, ist noch nicht gelöst – die entsprechenden Studien und die Fachdiskurse z.B. auf der dghd-Tagung im März 2017 scheinen das zu bestätigen. Es sind bekannte Herausforderungen an die Lehr-/Lernverhältnisse, die auf der Agenda stehen: Es ist aber eine hochdringende Notwendigkeit, diese möglichen Weiterentwicklungen jetzt konkret anzugehen, der Hinweis, dass dies halt im Bereich der Lehr-/Lernkultur schwierig sei, ist sicher richtig, reicht aber als Begründung für eine ausbleibende Weiterentwicklung nicht mehr aus.

Deep Change or Slow Death 

Auch in Hochschulen könnte sich sonst ungewollt folgende Erkenntnis durchsetzen: Forschung und Publikation sind zwar – entgegen aller gegenteiligen Beteuerungen – immer noch der Leitstrahl wissenschaftlicher Arbeit und Karriere aber die tradtionelle Inkompetenz darin, Ziele, Werte, Inhalte und Methoden der eigenen Wissenschaft an mehr Menschen weiterzugeben, als ausschließlich an die ausgesuchten Nachfolger*innen der eigenen Forschungslinie, ist kein Zukunftskonzept. Der sprichwörtliche akademische Elfenbeinturm ist heute transparent, vernetzt und ziemlich niedrig. Die Dringlichkeit der Frage nach einer neuen Lehr-/Lernkultur wird heute deshalb so sichtbar, weil abzusehen ist, dass das herrschende Verständnis von Lehren und Lernen nicht hinreichen wird, der folgenden Generation dabei zu helfen in der digital gewandelten Welt zurechtzukommen.

E.Paolozzi – Icarus (1957)

Die Digitalisierung begreifen: Der Mythos von der Schlange vorm Kopierer

Digitaler Semesterapparat – PDF-Schleuder und Einstieg ins E-Learning

Die Nutzung digitaler Texte in der Hochschule ist in den letzten Jahren stetig gewachsen und gehört zu einem der meistgenutzen Elemente von E-Learning im basalen Sinne. Gescannte Textauszüge, als PDF verfügbare Artikel und Dokumente, Vortragsfolien, Arbeitsmaterialien und Skripte wurden immer mehr online zur Verfügung gestellt, meist mittels einer E-Learning-Plattform wie Moodle oder OLAT. (siehe die Zahlen der Moodle-Nutzung an der Uni-Potsdam) Solche digitalen Semesterapparate werden in der mediendidaktischen Diskussion zwar auch schon mal despektierlich als “PDF-Geschubse”, die zugehörige Technologie als “PDF-Schleuder” bezeichnet, sie bilden aber vielfach auch den einfachen Einstieg in das E-Learning. Den Satz ‘Bisher habe ich nur Dokumente zur Verfügung gestellt, jetzt bin ich in den Workshop gekommen um zu sehen, wie ich mit E-Learning mehr Kommunikation und Kooperation fördern kann’ kennen wohl alle, die solche Workshops anbieten. Die Bereitstellung, Archivierung und Bearbeitung von digitalisierten (Text-)Materialien stellt einen unmittelbar einsichtigen Nutzen der Digitalisierung dar und bietet neue Möglichkeiten, wie z.B. die kooperative Annotation von Texten. Es ist “Digitalisierung at her best” die sich hier in den letzten Jahren entwickelt hat aber, es wurde in den letzten Monaten in der Auseinandersetzung um den Unirahmenvertrag (Zusammenfassung hier) auch deutlich, wie wenig belastbar die rechtlichen Grundlagen und wie unklar die Zukunft dieses Fortschritts ist.

Zurück in die 90er? – Das ist die falsche Frage!

Das Worst-Case-Szenario im Herbst hieß: „Digitale Texte dürfen nicht mehr online z.B. über die Lernplattform verteilt werden!“ Eine riesige bundesweite Löschaktion drohte. In vielen Kommentaren und Stellungnahme tauchte dann das Bild von der „Rückkehr in die 90er“ auf, in der
Studium und Wissenschaft ihre Ressourcen weitgehend mit Bibliothek und Fotokopie managten (siehe hier,  hier und hier ).  Die Wiederkehr dieser Situation als ein drohendes Szenario zu beschwören, zeigt meines Erachtens, dass die Ursachen und die Auswirkungen der jetzigen Auseinandersetzung noch nicht weitgehend genug begriffen wurden.

Die Ursache dieser Entwicklung liegt eigentlich auf der Hand: Die Digitalisierung macht zum Einen die Herstellung einer eins-zu-eins-Kopie eines digitalen Textdokuments so einfach wie noch nie und zum Anderen ist die Verbreitung dieser Dokumente mit Hilfe sozialer Netzwerke, Cloud-Diensten und anderen Online-Plattformen ein Klacks. Deutlich ist auch, das dies für Autoren und Verlage – sagen wir mal: der aktuellen SPIEGEL-Beststeller-Liste – eine ernsthafte Bedrohung der Einnahmen darstellen könnte. Man sollte sich jedoch eines klar machen: Computer und Internet sind per se „Kopiermaschinen“: Jedes Dokument, jede Datei die einmal im Netz und auf einem Rechner ist, ist potentiell kopier- und verteilbar. Die technischen Lösungen die dies verhindern sollen (das „Digital Right Management“ – DRM) hatte noch nie die Reife erlangt, dass sie ein wirkliches Hindernis für die Verbreitung von Inhalten darstellten, die einmal digitalisiert worden sind. Eine Tatsache, die sich die Musikindustrie in einem mühsamen und teuren Lernprozess angeeignet hat.

Die Erkenntnis, dass eine Kontrolle der Verbreitung von Content im digitalen Zeitalter schlicht aussichtslos ist, hat Michael Seemann als “Kontrollverlust” bezeichnet, der eine nicht zu verhindernde Begleiterscheinung der Digitalisierung zu sein  scheint (Michael Seemann: Das Neue Spiel.). Und wer möchte, kann das Internet nutzen, um seine eigene Plattform zu  gründen und damit beginnen, eigene Inhalte zu verbreiten. Akzeptiert man diese Prämissen, ist es schnell klar, dass für die Verlage das Geschäftsmodell „Verteilung eines knappen Gutes“, sowie das Monopol auf die Herstellung von Öffentlichkeit und Reputation ausgedient hat. Die Frage ist nicht, ob wir in die 1990er Jahre zurückkehren, sondern wie sich das alte System der wissenschaftlichen Publikation und Verteilung der Ressource Wissen in der neuen Zeit umgestalten wird.

Scannen ist das neue Kopieren. Die Nutzung digitaler Dokumente nach dem Kontrollverlust

Was wird also geschehen, wenn die Verlage sich an überkomme Geschäftmodelle klammern? Die AutorInnen und LeserInnen werden sich komplementär dazu verhalten und werden die neuen Technologien nutzen, um die Restriktionen zu umgehen:

  • Scannen ist heute kein technischer Aufwand mehr: Dazu reicht ein Smartphone und ein bischen Software. Zur Verbreitung einmal digitalisierter Dokumente siehe oben.
  • Es wird sich das jetzt schon florierende System der sogenannten Schattenserver weiter verbreiten. Das sind Sammlungen von digitalen Dokumenten, die illegalerweise frei verfügbar gemacht werden. Die wachsende Community trägt zum wachsen der Sammlungen bei. Die Frontfrau des Schattenservers Sci-Hub, Alexandra Elbakyan wurde im Jahr 2016 von Nature zu einer der einflussreichsten Persönlichkeiten in der Wissenschaft gekürt.
  • Es wird die Idee des Open Access gestärkt. Das ist sowieso sinnvoll aber angesichts einer blockierenden Verlagsbranche wird die Suche nach alternativen Publikations- und Vertriebswegen neue Bedeutung gewinnen.
  • Es werden schließlich diejenigen Verlage gestärkt – und das sind im Moment nur die Großen – die bereits eine digitale Strategie und die zugehörige Technologie entwickelt haben. Micropayment-Systeme und das Horten von NutzerInnendaten werden diese Plattformen größer und wertvoller machen.

Das Fazit ist: Das was die (kleinen und mittleren) Wissenschaftsverlage verhindern wollen, befördern sie mit ihrer Politik. Für die NutzerInnen wird es evtl. etwas unbequemer aber sie werden Wege finden an die Ressourcen zu kommen. Die Autorinnen und Autoren, denen es insbesondere um publizistische Sichtbarkeit, Teilhabe am fachwissenschaftlichen Diskurs und einfache Verfügbarkeit des wissenschaftlichen State-of-the-Art geht,  werden sich ebenfalls andere Wege suchen, ihre Inhalte öffentlich zu machen. Was wir aber auf keinen Fall mehr sehen werden, sind Schlangen vorm Kopierer und die Wiederkehr der Nachmittage im Copyshop – was ein Glück!

OAURHWISSG! – der Kampfschrei der Feinde der Publikationsfreiheit?

Die Reform des Urheberrechts als Ende der Bildung?

 

UPDATE (23.02.2017) Für diejenigen, die den Entwurf für ein bildungsfreundlich(er)es Urheberrecht unterstützen möchten, existiert die Online-Petition „Unterstützung des Referentenentwurfs zur Reform des Urheberrechts“ auf change.org

Publikationsfreiheit – für eine starke Bildungsrepublik“ heisst bedeutungsvoll die Webseite auf der Autor*innen, Verlage und Akteure zum Protest gegen den vorliegenden Referentenentwurf zu einer Neufassung des Urheberrechts (das Urheberrechts-Wissensgesellschafts-Gesetz – UrhWissG) und die Open-Acess-Strategie der BMBF vom Herbst 2016 (OA-Strategie) aufrufen. Worum geht es? Im Koalitionsvertrag 2013 wurde das „bildungs- und forschungsfreundliches Urheberrecht und eine umfassende Open-Access-Politik„als politisches Ziel vereinbart und nun liegen mit den beiden Dokumente die Lieferungen der Ministerien vor. Betroffene und Interessierte können zu dem Entwurf des UrhWissG noch bis zum 24.02. Stellung nehmen. Damit tritt der seit Jahren immer wieder neu aufflammende Streit um die Vergütung von Autor*innen und Verlage für die sogenannte “Zweitnutzung” von Texten in Bildung und Forschung, also Kopien, Scans und PDF-Dateien in eine neue, vielleicht entscheidende Phase. Angetrieben ist diese Auseinandersetzung von der fortschreitenden Digitalisierung, die sowohl die Nutzung von Texten in Lernplattformen und digitalen Sammlungen (sog. “Repositorien”) betrifft, als auch zu einem veränderten (Selbst-)Verständnis der Autor*innen von wissenschaftlichen Texten geführt hat, für die sich neue Möglichkeiten ergeben, ihre Fachöffentlichkeit und publizistische Aufmerksamkeit zu erreichen. Mit dem Gesetzentwurf zum Urheberrecht und dem Strategiepapier zu Open Access positioniert sich die Koalition nun deutlich gegen die Interessen der Verlage und für die Interessen von Wissenschaft und Bildung.

http://www.urheberrechtsbuendnis.de/pressemitteilung0217.html.de

Der Entwurf des Urheberrechts-Wissensgesellschafts-Gesetz – UrhWissG

Der Entwurf zur Neufassung des Urheberrechts wie er jetzt vorliegt, berücksichtigt die Interessen von Bildung und Forschung mindestens in dem Maße, wie es die bestehende Regelung mit der so genannten “Wissenschaftsschranke” nach § 52a UrhG bereits umsetzt, in Teilen ist das neue Gesetz etwas weitergehend und versucht die “klassischen” Unklarheiten und Streitpunkte des alten
Gesetzestextes zu entschärfen. Die Einzelvergütung von Texten und der Vorrang von Angeboten der Verlage gegenüber den Angeboten von Hochschulen und Bibliotheken – die beiden wesentlichen Kritikpunkte der Auseinandersetzung um den Unirahmenvertrag Ende 2016 – werden im Entwurf ausgeschlossen. Mit einer ganzen Reihe von Einzelregelungen (die Ausnahmen für Bildung und Forschung sind jetzt in acht Einzelregelungen, §60a – 60h festgehalten) ist der Entwurf für das Wissensgesellschafts-Urheberrecht leider nicht wirklich bildungs- und forschungsfreundlich ausgefallen. Es bleibt, so wie die alte Regelung komplex und erklärungsbedürftig. Die Einschätzung von iRights-Info klingt aber plausibel, dass eine pauschale Regelung vermutlich vor allem eine neue Welle von kleinteiligen Gerichtsentscheidungen zur Auslegung von Spezialfällen provoziert hätte. Mit der Reform des Urheberrechts sollte vor allem der seit Jahren schwelende und immer wieder aufflammende Streit um die Rolle der Verlage beigelegt werden. Dazu scheint die Zeit aber offensichtlich noch nicht reif, eine Verschlechterung ist es aber keinesfalls.

Die Open-Access-Strategie des Bundesforschungsministeriums

„Open-Access“ (OA) bezeichnet das Prinzip des freien Zugangs zu wissenschaftlichen Ressourcen. Explodierende Wissensmengen, die Möglichkeiten des Internet und die Tendenz der führenden Verlagshäuser, die wissenschaftliche Zeitschriften zu Melkkühen ihrer Geschäftsmodelle zu machen, haben dieser Bewegung in den letzten Jahren großen Zulauf beschert. Open Access reflektiert die Bedürfnisse der wissenschaftlichen Autorinnen und Autoren, die eigene Arbeit zu fairen Bedingungen vollwertig zu veröffentlichen und den einfachen elektronischen Zugriff auf so viel Ressourcen wie möglich zu haben. Für Lehre und Unterricht bedeutet OA einen Schritt nach vorne, denn die Beschränkungen und Regelungen aus dem Urheberrecht sind bereits erfüllt und die fraglichen Texte und Ressourcen sind bereits online verfügbar gemacht. Das Strategiepapier des BMBF zu OA enthält, neben Absichterklärungen und Bekenntnissen zu OA vor allem die sehr handfeste Ankündigung, dass die Pflicht zur Veröffentlichung von Forschungsergebnissen in frei zugänglichen Formaten in Zukunft Bestandteil der Förderbedingungen werden wird. Sinnvoll erscheint dies vor allem vor dem Hintergrund, dass die bisherige Regelung dazu führen konnte, dass für die Ergebnisse staatlich geförderter Forschung und Anwendung die Steuern zwei mal ausgegeben werden mussten: Erst für die Förderung des Projekts und dann für den Erwerb der Nutzungsrechte um die Ergebnisse aus diesem Projekt der Allgemeinheit zugänglich zu machen.

Ist die Publikationsfreiheit durch OA und UrhWissG bedroht?

Schenkt man den Autor*innen des Aufrufs “Publikationsfreiheit” Glauben, geht um nicht weniger als den Bestand der Demokratie. Behauptet wird in dem Aufruf, es gehe jetzt um die Zukunft des „freien Austausch von Wissen, Meinungen und Ideen“ in Deutschland, in

    „…einer Zeit, in der es wichtiger denn je ist, die Grenzen zwischen Fakten und Wissen auf der einen Seite und Behauptungen und Halbwissen auf der anderen Seite klar zu ziehen und zu verteidigen, müssen diese Grundrechte erst recht gestärkt werden. Der Weg in die Abhängigkeit von einigen wenigen global agierenden Medienanbietern oder gar in ein staatliches Publikationswesen führt zu einem Verlust von Qualität und Vielfalt – und letztlich von Bildung, Deutschlands wichtigstem Rohstoff.“

Feind der Demokratie (Xerox)

Flankiert wird der Aufruf, den bisher knapp 2.000 Personen unterschrieben haben, durch Mailings, beispielsweise aus dem Waxmann-Verlag in dem ebenfalls behauptet wird, dass mit „diesen Reformplänen […] die Leistungen von Autorinnen, Autoren und ihren Verlagen entwertet und das Investitionsrisiko für Lehr- und Lernmedien drastisch erhöht“ wird. Die (bekannte) Argumentationskette lautet in etwa: Ein offeneres, wissenschafts- und bildungsfreundliches Lizenz- und Fördermodell für bildungsrelevante Inhalte führt zum wirtschaftlichen Schaden der Verlage und AutorInnen, die daher keine Inhalte mehr produzieren und vertreiben können, was der Bildung insgesamt schade. Prägnanter äußert sich das in den Kommentaren der Unterzeichner*innen des Aufrufs. Kostproben: „Bildung in Wikipedia-Manier einer großen Masse zur Verfügung stellen zu wollen ist unseriös und das Gegenteil von qualifizierter Bildung„, „Der Anspruch der Autoren und Verlage auf Vergütung muss daher unbedingt erhalten bleiben„, „Wenn ‚content‘ nichts mehr wert ist, braucht man sich auch nicht zu wundern, dass die Qualität leidet“ oder „Wenn Veröffentlichungen, die sich für wissenschaftliche oder Lehrzwecke eignen, vom Staat enteignet werden, wird in diesem Bereich zukünftig eben nicht mehr veröffentlicht„. „Enteignung“, „Entwertung“, „Bildungsverlust“ scheinen die zentralen Argumentationen der Unterstützer*innen zu sein. Wo hier halbes und ganzes Wissen, Fakten und Behauptungen ineinander übergehen muss jede*r selber entscheiden – sicher scheint mir, das Sachlichkeit nicht der bevorzugte Diskussionsstil ist.

Die Sache: Kleine und mittlere Wissenschaftsverlage haben ein Problem

Ökonomischer Hintergrund der Debatte ist das Problem der mittleren und kleineren Wissenschaftsverlage, den Strukturwandel zu bewältigen. Die Deutsche Bank Research schrieb schon 2009 der Branche die Kernfrage ins Stammbuch: „Wie lässt sich das bisherige Geschäftsmodell, nämlich der Verkauf von Inhalten und Werbeanzeigen auf bedrucktem Papier, profitabel in die digitale Welt übertragen, ohne das noch auf Jahre hinaus wichtigere traditionelle Geschäft aus den Augen zu verlieren?“ (DB Reserch 2009). Für das Jahr 2016 diagnostizierte Christoph Salzig den Stand der Verlagsbranche in Horizont.net unter dem schönen Titel “Die Chroniken von Naja”:
„Da kommen gut zwanzig Jahre nach den ersten verlegerischen Gehversuchen im Netz Experten aus den USA, um deutschen Verlegern zu erklären, dass sie mutiger und investitionsfreudiger sein sollen. Und wie fällt die Reaktion der Verleger aus? – Naja, wenn wir das mit dem Geld verdienen im Internet nicht hinbekommen, dann muss uns die Politik eben dabei helfen!“
Verlagsbranche 2050

Im digitalen Wandel haben die Verlage, die in der Regel politisch und strategisch durch den
Börsenverein des Deutschen Buchhandels in der Öffentlichkeit vertreten werden, das Zweitverwertungsrecht als CashCow entdeckt. Seitdem (ca. seit den 2000er Jahren) werden sie nicht müde, die existenzbedrohenden “Ungerechtigkeiten”, “Einnahmeverluste” und “Enteignungen” zu beklagen, die dadurch entständen, dass die digitale Kopie die Photokopie zunehmend ersetzt und schlimmer noch, dass bei den digital vorliegenden Texten der Umweg über den Photokopierer erst gar nicht mehr stattfindet! Es ist verständlich, dass eine Branche deren zentrales Geschäftsmodell durch die Digitalisierung bedroht ist, versuchen muss, ihre Wertschöpfungsketten zu schützen. Allerdings ist der digitale Umbruch gerade in diesen Branchen übermächtig, als Fallstudien können hier die Musikindustrie, die Zeitungsbranche und die TV-Anbieter dienen. Das eine Suchmaschine zum Musik-Hub geriert, Zeitungen als Video-Apps rüberkommen und ein Buchhändler zum erfolgreichen TV-Broadcaster avanciert wundert uns als Konsumenten nicht mehr wirklich, für traditionelle Geschäftsmodellstrategien bedeutet es allerdings eine Katastrophe. Gerade für die mittleren und kleinen Verlage sind diese Entwicklungen existenzbedrohend und sie versuchen mit halbherzigen Versuchen zur Plattformbildung (siehe Digitaler Semesterapparat) und Mikropayment (siehe die vorzügliche zweiteilige Analyse von Florian Sprenger und Sebastian Gießmann) die erfolgreichen Geschäftmodelle “der Großen” zu imitieren. Allerdings besitzen sie größtenteils weder das Gespür noch die Cleverness, noch das notwendige immense Kapital in diesem Spiel wirklich mitzuspielen.

Die Autorinnen und Autoren sind gefragt!

Es ist abzusehen, dass sich in den kommenden Monaten die Auseinandersetzung um die Reform des Urheberrechts zuspitzen wird. Den Verlagen läuft jetzt die Zeit weg: Auch konservative Politiker*innen scheinen heute immer weniger geneigt, sich dem Vorwurf des digitalen Schleichgangs auszusetzen. Gleichzeitig beweist jeder Monat, den sich die Auseinandersetzung hinzieht, dass die Verlage eben doch nicht reihenweise über den Jordan gehen, schließlich werden sie ja auch jetzt für die Zweitnutzung vergütet.
Lösen können meines Erachtens nach den Konflikt langfristig nur die Autorinnen und Autoren aus Bildung und Forschung. Sie können im Prinzip nur gewinnen: Die eigenen Arbeiten zu fairen Bedingungen veröffentlichen, wissenschaftliche Ressourcen einfach recherchieren und nutzen und mit Hilfe der Prinzipien der Transparenz, Offenheit und des Teilens die Qualität sichern. Ändern die Autorinnen und Autoren ihre Praxis wissenschaftlichen Publizierens immer mehr in Richtung freien Zugangs und offener Lizenzen, werden sich auch die Verlage schneller nach neuen Geschäfstmodellen umsehen müssen.