Hochschule und Digitalisierung: Was wird in den kommenden fünf Jahren wichtig?

„Welche Themen werden im Zuge der Digitalisierung aus Ihrer Sicht in den nächsten 5 Jahren einen großen Einfluss auf Hochschulen haben?“ hatte das Hochschulforum Digitalisierung gefragt. Um diese Frage zu beantworten, musste ich für mich selber gedanklich ein wenig ausholen. Und weil ich mich gerade öfter mal an Visualisierungen versuche habe ich den Post auch mit „graphischen Elementen“ angereichert.

 

Hochschulen differenzieren sich aus und existieren in einem zunehmend unsicheren Umfeld. Am wahrscheinlichsten ist daher eine „Politik der kleinen Schritte“

TEICHLER hatte 2002 fünf Bereiche benannt, in denen er Prognosemöglichkeiten für die Hochschulentwicklung ausgemacht hatte

  1. Expansion der Bildungsbeteiligung, 
  2. Differenzierung der Hochschullandschaft, 
  3. Steuerungsprobleme in der Organisation der Hochschule, 
  4. Internationalisierung des Hochschulwesens und 
  5. Komplexitätszunahme in der Hochschulorganisation. 

15 Jahre später kann man  feststellen, dass a) diese Palette der Megatrends nach wie vor gültig ist und b) neue Anforderungen hinzugekommen sind, beispielsweise

  • der Ruf nach Kulturwandel und Erneuerung der Lehre (vgl. Wissenschaftsrat 2017), 
  • die zunehmende Heterogenität der Studierendenschaft (vgl. ENQA 2015),
  • die Stärkung demokratischer und humaner Werte (vgl. Oliver Reis auf der dghd-Tagung 2017), 
  • die Bewältigung der Folgen von nationalen Abgrenzungspolitiken, Migrationsbewegungen nach Zentraleuropa und neue Gewalttätigkeit (vgl. einen Blick in Zeitungen und Nachrichten). 
  • Und natürlich die Digitalisierung, die mit neuer Dringlichkeit „von ganz oben“ thematisiert wird.

Wenn ich versuche, diese Phänomene hinsichtlich ihrer Wirkung auf die Hochschulen auf einen Nenner zu bringen, scheint mir die „Differenzierung“ das allgemeine Bewegungsmuster zu sein. Es ist mehr als wahrscheinlich, dass auf die diversen, drängenden und stellenweise existentiellen Herausforderungen an die Hochschulen die vielen unterschiedlichen Ausgangslagen und Zielsetzungen zu verschiedenen Bewältigungsstrategien und Handlungsperspektiven führen werden. Damit eng verbunden dürfte ein Zustand sein, der sich in Zeiten beschleunigten Wandels (wann war der eigentlich mal langsam?) und im Hinblick auf komplexe, schwer steuerbare Einheiten ebenfalls eine normale Reaktion sein dürfte: Verunsicherung. Daraus dürfte eine Minderung der Risikobereitschaft folgen und im wahrscheinlichesten Fall eine Strategie der „kleinen Schritte“.

Wie verbreiten sich technologische Neuerungen? Das Diffusionsmodell nach ROGERS

Um die Verbreitung technologischer Innovationen besser zu verstehen sind zwei Modelle hilfreich: Die „Diffusion von Innovationen“ nach ROGERS und der „Hype-Cycle technologischer Innovationen“ nach FENN (auch als „Gartner-Hype-Cycle“ bekannt).

Nach ROGERs teilen sich die Akteure bei der Verbreitung technologischer Neuerungen in zwei gleiche Hälften: Die ersten 50% beinhalten die „Early Adopters“ und die „Early Majority“ also die „Innovator*innen“ und diejenigen, die in den Neuerungen einen Nutzen für sich erkennen können, wobei sie mit einer gewissen Risikobereitschaft ausgestattet sind, die auf dem Vertrauen auf die innovativen
Anwender*innen basiert. Die zweite Hälfte der Anwender*innen teilt sich in „Late Majority“ und „Leggars“ ein. Für beide gilt, dass sie sich erst dann bewegen, wenn es wirklich nicht anders mehr geht.
In der Studie „Monitor Digitale Bildung, Hochschulen im digitalen Zeitalter“ ist vor einigen Monaten festgestellt worden, dass ca. die Hälfte der Angehörigen von Hochschulleitungen und Mitarbeiter*innen der Hochschulen der Digitalisierung der Lehre skeptisch gegenüber stehen. Es ist nicht unplausibel, die „Digitalsierungskeptiker“ in der zweiten Hälfte der Anwendertypen nach ROGERS zu verorten. Allerdings stehen die Skeptiker*innen unter einem nicht unerheblichem Druck. Sich der „Bildung 4.0“ gänzlich zu verschließen scheint angesichts der massiven Interessen aus der Bildungspolitik fast unmöglich. Was wird man also als Hochschulleitung klugerweise machen? Man wird sich an die Themen heranwagen, die bereits von der „Early Majority“ übernommen worden sind. Nach ROGERS sind es diejenigen Handungsoptionen deren

  1. Nutzen nachgewiesen worden ist, die
  2. anschlussfähig an bestehende Praxis sind und für die
  3. eine ausreichende Erfahrungsbasis existiert. 

Für diese Themen gilt, dass sie ein geringes Risiko des Scheiterns darstellen, damit gewinnt man zwar keine Innovationspreise aber man setzt sich auch nicht dem Verdacht aus, sich dem Fortschritt zu widersetzen.

Wie  lässt sich Technologieentwicklung abschätzen? Der Hype-Cycle technischer Innovationen nach FENN

Das FENN-Diagramm beschreibt ursprünglich, wie sich der Aufmerksamkeitsgrad für eine (technische) Innovation im Laufe der Zeit entwickelt. Das Modell unterscheidet fünf Phasen:

  1. Innovation Trigger, 
  2. Peak of Inflated Expectations, 
  3. Trough of Disillusionment, 
  4. Slope of Enlightenment und das 
  5. Plateau of Productivity. 

Im Grunde zeigt die Kurve einen „Einpendelvorgang“ bei dem auf einen kräftigen Impuls hin die Kurve erst stark in die eine Richtung ausschlägt („Gipfel der überhöhten Erwartungen“), dann die Gegenbewegung fast ebenso kräftig einsetzt („Tal der Enttäuschung“) um sich schließlich auf einem höheren Niveau als dass der Ausgangsituation zu stabilisieren („Plateau der Produktivität“). Durch die Beratungsfirma Gartner wird alljährlich ein „Hype-Zyklus für das Bildungswesen“ („Hype Cycle for Education“) erstellt. Neben der schlichten Eleganz ist das Modell wohl auch so populär, weil es sich in der Wirklichkeit immer wieder zu bestätigen scheint. Die Innovationen werden mit ihren Möglichkeiten erprobt, dann werden weitergehende Möglichkeiten und Verbindungen entdeckt und Wirkungsweisen antizipiert. Mit der breiter werden Anwendung werden aber auch Schwierigkeiten deutlich, nicht-antizipierte Wirkungen sichtbar. Wenn Möglichkeiten und Erwartungen sich annähern und die Kinderkrankheiten verschwinden können sich stabile Szenarien entwickeln und kann die Technologie produktiv genutzt werden. In dieser Phase werden neue Technologien auch für die „Late Majority“ interessant.

Die Top-Themen sind nicht innovativ, sondern nutzbringend und erprobt

Ich definiere „Einfluss“ nicht als „Aufmerksamkeit“ sondern meine, dass zur Abschätzung des Einfluss auch der Grad der Verbreitung gehört. Einen „Einfluss auf die Hochschulen“ werden also weniger die innovativsten, neuesten Technologien haben, sondern diejenigen, die sich am schnellsten in der Fläche der Hochschullandschaft verbreiten. Dabei gehe ich davon aus, dass ein spürbarer Einfluss erst dann entsteht, wenn sich deutlich mehr als die Hälfte der potentiellen Anwender*innen einer Technologie zuwenden, wobei ich als „Anwender*in“ jeweils eine ganze Hochschule betrachte, nicht die Individuen die darin agieren. Aufgrund dieser Vorüberlegungen komme ich zu folgender, priorisierter Liste:

Videoinhalte

Die Aufzeichnung von Vorlesungen oder eigens produzierte Lehrmedien im Video-Format haben bereits eine stürmische Verbreitung erfahren. Hardware und Software sind heute, nicht zuletzt auch durch die Verbreitung von Tablets, erschwinglich und können mit ein wenig Übung ansehnliche Ergebnisse produzieren. Der Erklär-Clip auf Youtube erfreut sich bei Hersteller*innen wie Nutzer*innen wachsender Beliebtheit. Sicherlich ist es und bleibt es weiterhin so, dass wirklich gute Inhalte immer einen entsprechenden Aufwand bedeuten, andererseits hat das Video – zumindest wenn es nicht in High-End-Qualität vorliegen muss – ein unschlagbar gutes Kosten-Nutzen-Verhältnis oder anders gesagt: Mit Video kann am weitaus günstigsten Content hergestellt werden der in diversen Lehr-Lern-Arrangements flexibel genutzt werden kann.

E-Assessment, im engeren Sinn „E-Prüfungen“

Die ersten großen Testcenter sind jetzt teilweise bereits seit Jahren in Betrieb. Die Erfahrungen sind überwiegend positiv. Die rechtlichen Fragen scheinen so weit  geklärt und in der Praxis bewähren sich die Formate und Settings. Die Nachfragen von Lehrenden mehren sich.  Getrieben wird die Entwicklung von hohen Studierendenzahlen und vermehrten Prüfungsaufwand durch Modularisierung. In der Skalierung lassen sich sogar ökonomische Vorteile erahnen und die Akzeptanz bei Prüflingen und Lehrenden ist hoch.

E-Portfolio

Auch E-Portfolios haben, relativ unbemerkt, einen steilen Aufstieg hingelegt. Mit MAHARA steht eine reife, freie Plattform zur Verfügung, in der Lehrer*innenbildung ist die Portfolioarbeit flächendeckend (?) curricular verankert. E-Portfolio-Plattformen in ihrem jetzigen Erscheinungbild stellen den nächsten technologischen Schritt nach den hierarchisch organisierten Learning-Management-Systeme dar und machen die Prinzipien des Web 2.0 für Lehr-Lernszenarien im geschützten „Bildungsraum Hochschule“ verfügbar. In mehr und mehr Lehr-/Lernszenarien, insbesondere wenn Kompetenzorientierung deutlicher hervorgehoben werden soll, wird das Portfolio zur ergänzenden oder zentralen E-Learning-Plattform.

Mobile Anwendungen, Apps auf Smartphone und Tablet

Die App-Technologie hat zwar die Bildung nicht revolutioniert, für begrenzte Anwendungsbereiche machen die mobilen Programme aber einen guten Job. Apps und Mobile Webseiten werden für Audience-Response-Systeme (alternativ zum „Clicker“-System) eingesetzt, diverse Spielarten von Quiz- und Karteikarten-Apps sind verfügbar (und warten oftmals auf Inhalte und Nutzer*innen). Die Hochschul-App, vorrangig als mobiles Informations- und Service-Portal verstanden, ist eine sinnvolle Ergänzung für die Informations- und Kommunkationsstruktur der Hochschschulen (Mensaplan!). Apps machen hier nicht nur Sinn, sie sind außerdem bezahlbar und beim Publikum äußerst beliebt.

Cloud-Dienste

Ein paar Hochschulen (z.B. die Uni Potsdam) und die Planungen zur „Schulcloud“ zeigen es: Die Nutzung von „Software as a Service“ und von Online-Speichern ist auch für Bildungseinrichtungen machbar. Es erfordert allerding schon ein einigermaßen handlungsfähiges und experimentierfreudiges Rechenzentrum um einen Cloud-Dienst für eine Bildungsinstitution anzubieten. Das ist nicht nur eine Frage von Infrastruktur und Dienste-Architektur, sondern auch von Sicherheit. Da holt der ein oder die andere IT-Verantwortliche schon mal tief Luft…  Die Risiken scheinen aber beherrschbar, die Vorteile hingegen immens und überdies für jeden leicht nachvollziehbar, die Unabhängigkeit von kommerziellen Anbietern und Bedingungen sind ein wirkliches Argument. Daher dürften auch die Cloud-Dienste ein heisser Kandidat für eine Technik sein, die sich bald an Hochschulen weiter verbreitet.

Blended Learning als Substitution von Präsenzlehre

Blended Learning ist keine Technik aber ein Kind der Digitalisierung. Gemeint sind E-Learning-Szenarien, in denen die computerunterstützen Anteile (in der Regel online) didaktisch-methodisch in das Lehr-/Lernsetting integriert und obligarisch zur Erreichung der Lehrziele sind. In aller Regel bedeutet das aber nicht, dass Präsenzanteile der Lehre dadurch ersetzt werden, die weitaus häufigste Nutzungweise dürfte in der Anwendung zwischen den Präsenzterminen liegen. Andererseits ist vielfach erprobt und auch belegt, dass gut gemachte Online-Szenarien den Präsenzsituationen in punkto Lernwirksamkeit, Kompetenzentwicklung und Studienleistungen in Nichts nachstehen. Gleichwohl ist die aktive Nutzung von Online-Szenarien anstelle von Präsenzlehre noch ein wirkliches Innovationspotential. Die Technologie dafür ist schon länger bekannt, die Umsetzung hängt von der Beweglichkeit der Lehrenden und der Hochschulleitungen ab, solche Lehr-/Lernarrangement als Regelfall zu akzeptieren. Die Diskussion um das Lehrdeputat – als Regelungsaufgabe oder als Aufgabe für eine neue Praxis – wird uns jedenfalls in den kommenden Jahre stärker beschäftigen.

Die Digitalisierung begreifen: Der Mythos von der Schlange vorm Kopierer

Digitaler Semesterapparat – PDF-Schleuder und Einstieg ins E-Learning

Die Nutzung digitaler Texte in der Hochschule ist in den letzten Jahren stetig gewachsen und gehört zu einem der meistgenutzen Elemente von E-Learning im basalen Sinne. Gescannte Textauszüge, als PDF verfügbare Artikel und Dokumente, Vortragsfolien, Arbeitsmaterialien und Skripte wurden immer mehr online zur Verfügung gestellt, meist mittels einer E-Learning-Plattform wie Moodle oder OLAT. (siehe die Zahlen der Moodle-Nutzung an der Uni-Potsdam) Solche digitalen Semesterapparate werden in der mediendidaktischen Diskussion zwar auch schon mal despektierlich als “PDF-Geschubse”, die zugehörige Technologie als “PDF-Schleuder” bezeichnet, sie bilden aber vielfach auch den einfachen Einstieg in das E-Learning. Den Satz ‘Bisher habe ich nur Dokumente zur Verfügung gestellt, jetzt bin ich in den Workshop gekommen um zu sehen, wie ich mit E-Learning mehr Kommunikation und Kooperation fördern kann’ kennen wohl alle, die solche Workshops anbieten. Die Bereitstellung, Archivierung und Bearbeitung von digitalisierten (Text-)Materialien stellt einen unmittelbar einsichtigen Nutzen der Digitalisierung dar und bietet neue Möglichkeiten, wie z.B. die kooperative Annotation von Texten. Es ist “Digitalisierung at her best” die sich hier in den letzten Jahren entwickelt hat aber, es wurde in den letzten Monaten in der Auseinandersetzung um den Unirahmenvertrag (Zusammenfassung hier) auch deutlich, wie wenig belastbar die rechtlichen Grundlagen und wie unklar die Zukunft dieses Fortschritts ist.

Zurück in die 90er? – Das ist die falsche Frage!

Das Worst-Case-Szenario im Herbst hieß: „Digitale Texte dürfen nicht mehr online z.B. über die Lernplattform verteilt werden!“ Eine riesige bundesweite Löschaktion drohte. In vielen Kommentaren und Stellungnahme tauchte dann das Bild von der „Rückkehr in die 90er“ auf, in der
Studium und Wissenschaft ihre Ressourcen weitgehend mit Bibliothek und Fotokopie managten (siehe hier,  hier und hier ).  Die Wiederkehr dieser Situation als ein drohendes Szenario zu beschwören, zeigt meines Erachtens, dass die Ursachen und die Auswirkungen der jetzigen Auseinandersetzung noch nicht weitgehend genug begriffen wurden.

Die Ursache dieser Entwicklung liegt eigentlich auf der Hand: Die Digitalisierung macht zum Einen die Herstellung einer eins-zu-eins-Kopie eines digitalen Textdokuments so einfach wie noch nie und zum Anderen ist die Verbreitung dieser Dokumente mit Hilfe sozialer Netzwerke, Cloud-Diensten und anderen Online-Plattformen ein Klacks. Deutlich ist auch, das dies für Autoren und Verlage – sagen wir mal: der aktuellen SPIEGEL-Beststeller-Liste – eine ernsthafte Bedrohung der Einnahmen darstellen könnte. Man sollte sich jedoch eines klar machen: Computer und Internet sind per se „Kopiermaschinen“: Jedes Dokument, jede Datei die einmal im Netz und auf einem Rechner ist, ist potentiell kopier- und verteilbar. Die technischen Lösungen die dies verhindern sollen (das „Digital Right Management“ – DRM) hatte noch nie die Reife erlangt, dass sie ein wirkliches Hindernis für die Verbreitung von Inhalten darstellten, die einmal digitalisiert worden sind. Eine Tatsache, die sich die Musikindustrie in einem mühsamen und teuren Lernprozess angeeignet hat.

Die Erkenntnis, dass eine Kontrolle der Verbreitung von Content im digitalen Zeitalter schlicht aussichtslos ist, hat Michael Seemann als “Kontrollverlust” bezeichnet, der eine nicht zu verhindernde Begleiterscheinung der Digitalisierung zu sein  scheint (Michael Seemann: Das Neue Spiel.). Und wer möchte, kann das Internet nutzen, um seine eigene Plattform zu  gründen und damit beginnen, eigene Inhalte zu verbreiten. Akzeptiert man diese Prämissen, ist es schnell klar, dass für die Verlage das Geschäftsmodell „Verteilung eines knappen Gutes“, sowie das Monopol auf die Herstellung von Öffentlichkeit und Reputation ausgedient hat. Die Frage ist nicht, ob wir in die 1990er Jahre zurückkehren, sondern wie sich das alte System der wissenschaftlichen Publikation und Verteilung der Ressource Wissen in der neuen Zeit umgestalten wird.

Scannen ist das neue Kopieren. Die Nutzung digitaler Dokumente nach dem Kontrollverlust

Was wird also geschehen, wenn die Verlage sich an überkomme Geschäftmodelle klammern? Die AutorInnen und LeserInnen werden sich komplementär dazu verhalten und werden die neuen Technologien nutzen, um die Restriktionen zu umgehen:

  • Scannen ist heute kein technischer Aufwand mehr: Dazu reicht ein Smartphone und ein bischen Software. Zur Verbreitung einmal digitalisierter Dokumente siehe oben.
  • Es wird sich das jetzt schon florierende System der sogenannten Schattenserver weiter verbreiten. Das sind Sammlungen von digitalen Dokumenten, die illegalerweise frei verfügbar gemacht werden. Die wachsende Community trägt zum wachsen der Sammlungen bei. Die Frontfrau des Schattenservers Sci-Hub, Alexandra Elbakyan wurde im Jahr 2016 von Nature zu einer der einflussreichsten Persönlichkeiten in der Wissenschaft gekürt.
  • Es wird die Idee des Open Access gestärkt. Das ist sowieso sinnvoll aber angesichts einer blockierenden Verlagsbranche wird die Suche nach alternativen Publikations- und Vertriebswegen neue Bedeutung gewinnen.
  • Es werden schließlich diejenigen Verlage gestärkt – und das sind im Moment nur die Großen – die bereits eine digitale Strategie und die zugehörige Technologie entwickelt haben. Micropayment-Systeme und das Horten von NutzerInnendaten werden diese Plattformen größer und wertvoller machen.

Das Fazit ist: Das was die (kleinen und mittleren) Wissenschaftsverlage verhindern wollen, befördern sie mit ihrer Politik. Für die NutzerInnen wird es evtl. etwas unbequemer aber sie werden Wege finden an die Ressourcen zu kommen. Die Autorinnen und Autoren, denen es insbesondere um publizistische Sichtbarkeit, Teilhabe am fachwissenschaftlichen Diskurs und einfache Verfügbarkeit des wissenschaftlichen State-of-the-Art geht,  werden sich ebenfalls andere Wege suchen, ihre Inhalte öffentlich zu machen. Was wir aber auf keinen Fall mehr sehen werden, sind Schlangen vorm Kopierer und die Wiederkehr der Nachmittage im Copyshop – was ein Glück!

Blackbox Selbststudium: Aktivierende Hinweise für Lehrende

Im Blog „Impulswerkstatt Lehrqualität“ der Uni Freiburg wurden in den letzten Wochen in einer kleinen Reihe die Ergebnisse einer Interventionsstudie vorgestellt. Ziel der Studie, schreiben die AutorInnen Kristin Wäschle, Matthias Nückles und Siegfried Fink war es

http://blog.lehrentwicklung.uni-freiburg.de/2014/05/blackbox-selbststudium-selbstbeobachtung-des-eigenen-prokrastinationsverhaltens/„…leicht umsetzbare Interventionsmöglichkeiten abzuleiten und zu evaluieren. Dabei wurden sowohl Interventionen beleuchtet, die bei den Lernenden ansetzen als auch solche, die Veränderungen in der Lehre beinhalteten.“

Dabei setzten die AutorInnen da an, wo sie in der Vorläuferstudie Blackbox Selbststudium (2012) aufhörten: Bei der Annahme, dass Selbstwirksamkeit („die Überzeugung, den Aufgaben im Studium gewachsen zu sein“) durch Dozierende gezielt unterstützt werden kann. Die Interventionen sind unterschiedlicher Natur von der Vermittlung von Fähigkeiten, Lernziele zu formulieren bis zu grafischem Feedback anhand eines „Prokrastinations-Logs“. Die Artikelreihe enthält eine Reihe von differenzierten Einsichten und konkreten Anregungen zu Themen wie aktivierende Lehre in Großveranstaltungen, Setzen von Lehrzielen, Einsatz von regelmäßigen Tests und der Gestaltung von Tutorien die sich aus den Evaluationen dieser Maßnahmen ergeben haben.

Medienkompetenz zwischen Kontrolle, Selbstkontrolle und Kontrollverlust – und zwischen mehr…

Rolf Schulmeister in der Zeitschrift für E-Learning 04-2012

In der letzten (und wohl letzten gedruckten) Zeitschrift für E-Learning hat Rolf Schulmeister das Unterfangen begonnen, dass begriffliche Dickicht aus Kontrolle, Selbstkontrolle, Offenheit, Geschlossenheit, Privatheit und Öffentlichkeit im Kontext von E-Learning und Web 2.0 zu lichten und eine Position herauszuarbeiten. Aus meiner Perspektive stellt der Artikel („Der Schlüssel zur Medienkompetenz liegt im Begriff der Kontrolle“ – Zeitschrift für E-Learning 2012, H. 4, S. 35-45) tatsächlich erst mal einen Beginn dar – denn es handelt sich im Kontext des Heftes eher um einen „Bericht aus der Forschungswerkstatt“ als um eine ausentwickelte Taxonomie. Und auch nach der Lektüre war wenigstens in meinem Kopf besagtes Dickicht noch nicht gelichtet… Daher möchte ich meine eigene „begriffliche Anstrengung“ mit diesen Text hier darlegen, wobei es mir in erster Linie darum geht, dass Begriffgerüst, dass Rolf Schulmeister in dem Beitrag konstruiert, nachzuvollziehen. Ich verstehe dass auch, als die Weiterführung der Gedanken des letzten Postings und vor allem auch nach dem Kommentaraustausch mit Michael Karbacher: Auch hier hatte sich gezeigt, dass das Verhältnis von „Offenheit-Geschlossenheit“ ein Kernthema ist, für jene Fragestellungen, die sich rund um die Nutzung von (kommerziellen) Web 2.0-Diensten in der Hochschule ranken.
Die ausführliche Darstellung des Beitrags habe ich hier zur Verfügung gestellt.

Dichotomien in mediengestützten Lehr- Lern-Arrangements im Kontext des Web 2.0

Um die verschiedenen Dichotomien, die Schulmeister in dem Beitrag aufmacht, besser durchdringen zu können, habe ich versucht, die verschiedenen Ebenen und Kernbegriffe zu einer tabellarischen Übersicht zusammenzustellen:

DATEN
fremde, externe Kontrolle über Daten & Informationen
Selbstkontrolle über Daten und Informationen
öffentliche Daten
private Daten
LERNUMGEBUNG
offene Umgebung
geschlossene Umgebung
LERNPROZESSE
Kontrolle
Freiheit
Bewertung
Selbstreflexion
E-PORTFOLIOS
Bewertung, Selektionsfunktion
Selbstreflexion
Fehlende Autonomie, fehlende Selbstbestimmtheit
Selbstorganisation, Selbstkontrolle
WEBLOGS
Pflichtaufgabe, Kontrolle
Freiwilligkeit
Lernziele fremdbestimmt, Bewertung bedrohlich
Lernziele sind selbstkongruent, erbringen von Leistung in Freiwilligkeit
INTERNET
Erweiterung
Fragmentierung
offener Raum
geschlossene Umgebung

In dem Beitrag werden für die verschiedenen Ebenen und Anwendungen von Web 2.0-Anwendungen Dichotomien zwischen einem eher autonomen und einem eher heteronomen Verhältnis zu (reflexiven)
Lernhandlungen aufgemacht. Dabei treten allerdings Inkonsistenzen auf, die weitergehend betrachet werden sollten: So darf gefragt werden, warum Selbstreflexion in einem öffentlichem Raum nicht möglich sein soll und weiterhin, ob Geschlossenheit und Privatheit notwendige Voraussetzungen für Reflexion bilden.
Insgesamt scheint es mir ein lohnenswertes Unterfangen, die Schulmeister’schen Begriffsstruktur weiter zu untersuchen. Fragen dafür könnten zum Beispiel folgende sein:

  • Wie verhalten sich Freiheit und Selbstkontrolle zueinander? Ist Selbstkontrolle wirklich ein Merkmal von Autonomie?
  • Ist der Kontrollverlust der lt. Schulmeister mit der Veröffentlichung von „eigenen“ (privaten) Daten einhergehe gleichbedeutend mit dem Verlust von Selbstkontrolle? Ist gewollter Kontrollverlust eventuell auch ein Mittel gegen Fremdkontrolle?
Unbefriedigend bleibt aus meiner Sicht, dass die Auflistung von Widersprüchen und Gegensätzen nicht zu einem tiefergehenden Verständnis der Kräfte, die hier am Werk sind, führt: Gerade dann, wenn Dichotomien sich nach dem Ausschlussverfahren bilden (Nach dem Schema: „Privatheit endet, wo Öffentlichkeit beginnt.“) fehlt ein weiterführendes tertium comparationis.

 

Starke Thesen

Neben den Dichotomien stellt Schulmeister in dem Beitrag auch ein paar starke Thesen und Behauptungen auf, die nicht unerwähnt bleiben sollten:
  • E-Portfolios, die Selbstreflexion unterstützen sollen, dürfen nicht der Bewertung unterliegen.
  • Im Studium sollte das Durcharbeiten von Standardwerken wieder von den Studierenden eingefordert werden.
  • Studierende sind in der Mehrheit nicht zu selbstbestimmten, selbstorganisiertem Lernhandeln fähig.
  • Das Internet hat seinen Charakter als offenen Raum verloren.

Weiterhin wäre es auch eine spannende Frage, dass was Schulmeister an und mit den Defiziten der Studierenden argumentiert (Heteronomie, Passivität, Lernwiderstand und Vermeidung von Selbstreflektion) auf die andere personelle Hälfte der Handlungssituation, nämlich die Lehrenden auszuweiten.

Erstkontakt – Ein Erlebnis mit der Lehre

In den letzten Wochen bin ich im Zusammenhang mit dem HSP-III Projekt E-Learning in Studienbereichen – eLiS an der UP wieder verstärkt mit Lehrenden in den ersten Kontaktaufnahmen. Das sind immer sehr aufschlussreiche Termine für mich – die längste Zeit bin ich doch mit E-Learning-Aktiven, -ExpertInnen und -Professionellen im Gespräch. Folgende Episode hat mich stark beschäftigt und daher möchte ich diese hier zum Besten geben:

By Tasylda Putri (Own work) [CC-BY-SA-3.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0)], via Wikimedia Commons

Dem Dozenten, mit dem ich mich zur Beratung getroffen habe, geht es in den Lehrveranstaltungen vor allem um Schreibkompetenzen. Eine seiner Methoden dafür ist, die TeilnehmerInnen im Laufe des Semesters kurze Texte schreiben zu lassen. Das geschieht in Schulheften, die der Dozent einsammelt und korrigiert. Auf seinem Schreibtisch liegt dieser Stapel Hefte und die Korrekturen finden klassisch mit rotem „Korrekturstift“ direkt in den Heften statt. Also ich habe mich erst mal genau so gefühlt, wie das klingt – nämlich frappierend an Schulunterricht erinnernd. Und hierbei auch nicht an die innovativen Unterrichtsformen die z.B. ich durchaus erlebt habe (Hessen, 80er). Dazu habe ich noch erfahren, dass diese, mindestens ambivalente, Schulunterrichts-Assoziation 1. dem Lehrenden auch klar war und 2. auch die Studierenden zuweilen befremdet, wie er berichtete. Der Dozent hatte jedoch auch zwei nachvollziehbare und mir unmittelbar einleuchtende Begründungen.
Zum Einen findet die Leistungserfassung zur Lehrveranstaltung in Form einer schriftlichen Klausur statt. Der Dozent möchte die Studierenden auf diese Arbeit vorbereiten. Zum anderen fällt die Korrektur und Annotation von Texten mit „Papier und Stift“ dem Dozenten, wie vermutlich sehr vielen Menschen, leichter als unter Anwendung von Textverarbeitung und Annotationswerkzeugen. Erst recht natürlich, wenn dieser Text schon in Papierform vorliegt.
Damit stellten sich mir in etwa folgende Fragen: Gibt es hier einen Bedarf für den Einsatz digitaler Medien? Ist vielleicht ein Szenario vorstellbar, in dem manuelle von digitaler Schriftlichkeit abgelöst wird und die ungute Attribution „Schulunterricht“ ablösen kann? Was ist hier eigentlich los?
Festgehalten werden kann wohl:

  • Das Setting ist auf die Form der Leistungserfassung (schriftliche Klausur) ausgerichtet und davon überformt. Eine aus den spezifischen Lehrzielen abgeleitete Begründung für die manualle Schriftlichkeit scheint es nicht zu geben. Der Handlungsspielraum scheint durch die Form der Leistungserfassung schon final eingeschränkt.
  • Es ist nicht bekannt, ob das Schreiben in den Heften den Studierenden bei der Bewältigung der Klausur hilft. Das ist wohl die handlungsleitende Vermutung des Dozenten aber ich habe das nicht weiter nachgefragt ob ihm bekannt ist, was die Studierenden dazu berichten. Das wäre also mindestens eine Nachfrage wert.
  • Das Phänomen, dass die Lehrveranstaltung vom gewünschten, zertifizierungsrelevanem Ergebniss her gedacht und geplant wird (z.B. von G. Reinmann ausgesprochen, ich weiß jedoch nicht mehr genau wann oder wo….)  ist nicht nur auf Seiten der Studierenden vertreten, sondern auch bei Lehrenden.

Was kann also aus der Sicht eines Beratenden in Sachen E-Learning hier entwickelt werden? In etwa vielleicht Folgendes: Es wäre nachzuschauen, ob die (hand)schriftliche Klausur eigentlich ein unabdingbares  Muss ist. Es könnte überlegt werden, ob die Lust am Schreiben mit Hilfe digitaler Medien gehoben werden kann, z.B. durch das Veröffentlichen qualitätsgeprüfter (=korrigierter) Beiträge auf einer Projektwebseite. Schließlich müsste die Rückmeldung der Studierenden gesucht und organisiert werden. Aus einem „Standardtermin“ haben sich zumindest für mich eine Reihe von spannenden Fragen und Perspektiven ergeben!
  

Studium 2.0: Wie E-Learning den Unialltag verändert | STERN.DE

Nicht viel wirklich Neues (außer, dass es das sympathische Projekt Iversity zu verdienter medialer Aufmerksamkeit gebracht hat: Herzlichen Glückwunsch, Leute!) hat der überschwängliche Artikel „Studium 2.0: Wie E-Learning den Unialltag verändert“ auf STERN.DE zu berichten. Es wird aber ein eingängiges Szenario skizziert, wie das Studium mit sozialen Netzwerken unterstützt werden könnte.

„Beschäftigt sich ein Student etwa gerade mit dem Schriftsteller Franz Kafka, dann kann er auf der Plattform nach Menschen mit demselben Studieninteresse suchen – und zwar bundesweit.“

Interessant finde ich, dass auch für die breite Öffentlichkeit (bzw. den Teil davon, den die STERN.DE-LeserInnenschaft repräsentiert) die Massenvorlesung als Auslaufmodell dargestellt wird.

„Der Frontalunterricht für Hunderte von Hochschülern in einem Audimax werde sich schlicht überholt haben. Das reine Wissen eigneten sich die Hochschüler der Zukunft zu Hause alleine über Internetportale an. Die Vorteile der Wissensvermittlung liegen dabei auf der Hand: Stehen die Infos zum Abruf in einem Portal bereit, könnten Studenten immer dann lernen, wenn es ihnen zeitlich passt. Und das Tempo der Vorlesung hängt allein vom eigenen Rhythmus ab.“

Wissenschaftlich ist das nicht, der Artikel kann aber sicher geeignet sein, wenn es darum geht:

  • Interessierten zu Illustrieren, welche Entwicklungen und Visionen mit der Idee des E-Learning in der Hochschule verbunden sein können,
  • ein Beispiel zu zeigen, wie E-Learning in der Hochschule offensiv aber ohne Heilsversprechen kommuniziert werden kann.

Mir wird aber an dem Artikel auch mal wieder die Krux deutlich, dass zwischen dem Versuch offensiver Kommunikation und sträficher Simplifizierung („reines Wissen“? „immer Lernen, wenn es passt“?)
 nur ein schmaler Grat liegt.

„E-Portfolio Didaktik“ by Ilona Buchem

In diesem Vortrag hat Ilona Buchem vom Projekt mediencommunity 2.0 auf dem letzten Neztwerktreffen der E-Portfolio-Initiative Berlin-Brandenburg ihre Lehrveranstaltung zum Thema „Web 2.0 und Gesellschaft“ vorgestellt. Ich habe einen der Organisation geschuldeten knappen, erfahrungsgesättigter Überblick zur Durchführung einer Lehrveranstaltungen mit Hilfe von E-Portfolios über, mit und im Web 2.0 bekommen. Die Vortragsfolien geben leider nur den strukturellen Teil wieder, der aber den ein oder die andere PraktikerIn interessieren könnte, daher hier: