Medienkompetenz zwischen Kontrolle, Selbstkontrolle und Kontrollverlust – und zwischen mehr…

Rolf Schulmeister in der Zeitschrift für E-Learning 04-2012

In der letzten (und wohl letzten gedruckten) Zeitschrift für E-Learning hat Rolf Schulmeister das Unterfangen begonnen, dass begriffliche Dickicht aus Kontrolle, Selbstkontrolle, Offenheit, Geschlossenheit, Privatheit und Öffentlichkeit im Kontext von E-Learning und Web 2.0 zu lichten und eine Position herauszuarbeiten. Aus meiner Perspektive stellt der Artikel („Der Schlüssel zur Medienkompetenz liegt im Begriff der Kontrolle“ – Zeitschrift für E-Learning 2012, H. 4, S. 35-45) tatsächlich erst mal einen Beginn dar – denn es handelt sich im Kontext des Heftes eher um einen „Bericht aus der Forschungswerkstatt“ als um eine ausentwickelte Taxonomie. Und auch nach der Lektüre war wenigstens in meinem Kopf besagtes Dickicht noch nicht gelichtet… Daher möchte ich meine eigene „begriffliche Anstrengung“ mit diesen Text hier darlegen, wobei es mir in erster Linie darum geht, dass Begriffgerüst, dass Rolf Schulmeister in dem Beitrag konstruiert, nachzuvollziehen. Ich verstehe dass auch, als die Weiterführung der Gedanken des letzten Postings und vor allem auch nach dem Kommentaraustausch mit Michael Karbacher: Auch hier hatte sich gezeigt, dass das Verhältnis von „Offenheit-Geschlossenheit“ ein Kernthema ist, für jene Fragestellungen, die sich rund um die Nutzung von (kommerziellen) Web 2.0-Diensten in der Hochschule ranken.
Die ausführliche Darstellung des Beitrags habe ich hier zur Verfügung gestellt.

Dichotomien in mediengestützten Lehr- Lern-Arrangements im Kontext des Web 2.0

Um die verschiedenen Dichotomien, die Schulmeister in dem Beitrag aufmacht, besser durchdringen zu können, habe ich versucht, die verschiedenen Ebenen und Kernbegriffe zu einer tabellarischen Übersicht zusammenzustellen:

DATEN
fremde, externe Kontrolle über Daten & Informationen
Selbstkontrolle über Daten und Informationen
öffentliche Daten
private Daten
LERNUMGEBUNG
offene Umgebung
geschlossene Umgebung
LERNPROZESSE
Kontrolle
Freiheit
Bewertung
Selbstreflexion
E-PORTFOLIOS
Bewertung, Selektionsfunktion
Selbstreflexion
Fehlende Autonomie, fehlende Selbstbestimmtheit
Selbstorganisation, Selbstkontrolle
WEBLOGS
Pflichtaufgabe, Kontrolle
Freiwilligkeit
Lernziele fremdbestimmt, Bewertung bedrohlich
Lernziele sind selbstkongruent, erbringen von Leistung in Freiwilligkeit
INTERNET
Erweiterung
Fragmentierung
offener Raum
geschlossene Umgebung

In dem Beitrag werden für die verschiedenen Ebenen und Anwendungen von Web 2.0-Anwendungen Dichotomien zwischen einem eher autonomen und einem eher heteronomen Verhältnis zu (reflexiven)
Lernhandlungen aufgemacht. Dabei treten allerdings Inkonsistenzen auf, die weitergehend betrachet werden sollten: So darf gefragt werden, warum Selbstreflexion in einem öffentlichem Raum nicht möglich sein soll und weiterhin, ob Geschlossenheit und Privatheit notwendige Voraussetzungen für Reflexion bilden.
Insgesamt scheint es mir ein lohnenswertes Unterfangen, die Schulmeister’schen Begriffsstruktur weiter zu untersuchen. Fragen dafür könnten zum Beispiel folgende sein:

  • Wie verhalten sich Freiheit und Selbstkontrolle zueinander? Ist Selbstkontrolle wirklich ein Merkmal von Autonomie?
  • Ist der Kontrollverlust der lt. Schulmeister mit der Veröffentlichung von „eigenen“ (privaten) Daten einhergehe gleichbedeutend mit dem Verlust von Selbstkontrolle? Ist gewollter Kontrollverlust eventuell auch ein Mittel gegen Fremdkontrolle?
Unbefriedigend bleibt aus meiner Sicht, dass die Auflistung von Widersprüchen und Gegensätzen nicht zu einem tiefergehenden Verständnis der Kräfte, die hier am Werk sind, führt: Gerade dann, wenn Dichotomien sich nach dem Ausschlussverfahren bilden (Nach dem Schema: „Privatheit endet, wo Öffentlichkeit beginnt.“) fehlt ein weiterführendes tertium comparationis.

 

Starke Thesen

Neben den Dichotomien stellt Schulmeister in dem Beitrag auch ein paar starke Thesen und Behauptungen auf, die nicht unerwähnt bleiben sollten:
  • E-Portfolios, die Selbstreflexion unterstützen sollen, dürfen nicht der Bewertung unterliegen.
  • Im Studium sollte das Durcharbeiten von Standardwerken wieder von den Studierenden eingefordert werden.
  • Studierende sind in der Mehrheit nicht zu selbstbestimmten, selbstorganisiertem Lernhandeln fähig.
  • Das Internet hat seinen Charakter als offenen Raum verloren.

Weiterhin wäre es auch eine spannende Frage, dass was Schulmeister an und mit den Defiziten der Studierenden argumentiert (Heteronomie, Passivität, Lernwiderstand und Vermeidung von Selbstreflektion) auf die andere personelle Hälfte der Handlungssituation, nämlich die Lehrenden auszuweiten.

Plädoyer: Warum man z.B. Facebook nicht in der Hochschullehre einsetzen sollte

Facebook – warum nicht?

Die Diskussion darüber, wie E-Learning-PratikerInnen und -Forschende sich gegenüber Facebook und anderen kommerziellen Web 2.0-Diensten verhalten sollen, findet nach meiner Wahrnehmung immer noch einseitig statt: Die ganz vorherrschende Stimmung pendelt zwischen experiementierfreudigem Warum-Nicht? bis zum Vorschlag, Web 2.0-Dienste könnten Lernplattformen zugunsten „selbstbestimmter Lernnetzwerke“ ganz ablösen.
So wird in dem Beitrag „Präsentieren und interagieren mit Facebook“ auf Medienpädagogik – Praxisblog ein Bericht zum Einsatz von Facebook so eingeleitet:

„Das Social Web verändert die Gesellschaft und damit auch die Bildungsarbeit. In dieser Situation sind neue Veranstaltungsformate gefragt, die andere Sozialformen und Interaktionsmöglichkeiten eröffnen. Genauso müssen PädagogInnen aber auch neue Methoden entwickeln, die Medien integrieren und interaktiv sind. Dabei sind auch Experimente gefragt. Ein solches hat Daniel Seitz gewagt: Er hat eine Facebook-Page als Präsentations- (und Interaktions-)Tool genutzt und damit das klassische Setting ReferentIn-Publikum aufgebrochen.“

Sicher, hier geht es nicht um eine differenzierte Argumentationslinie sondern um eine knackige Einleitung zu einem Artikel. Was hier aber auch geschieht ist eine naht- und reibungslose Verknüpfung einer offenbar vielversprechenden medientechnischen Dynamik (‚die Öffnung wagen‚) mit der Nutzung eines kommerziellen Dienstes. Das kommerzielle Interessen immerhin darauf hindeuten könnten, die sich eröffnenden Möglichkeitsräume zu beschränken und zu präformieren – und zwar nicht zum Nutzen der User – bleibt in der Regel unerwähnt. Veränderung scheint als Begründung hinzureichen, Vorteile werden nicht erwogen und Nachteile sind ausgeblendet.
Es ist die Einfachheit und die geschmeidige Einbettung der kommerziellen Web 2.0-Dienste in den Alltag, die eine große Faszination auszuüben scheint. So schreibt Dörte Giebel in ihrem Blog Lernkultur 2.0:

„eine Lernplattform […] [kann] in der Regel mehr kann als den Austausch der Teilnehmer/innen untereinander und mit den Lehrenden zu ermöglichen. Doch an diesem einen Punkt ist Facebook zurzeit mit Sicherheit unschlagbar – und Fern(hoch)schulen haben jetzt die Wahl, ob sie …

  • das schlichtweg anerkennen und damit ganz entspannt umgehen,
  • sich möglichst schnell möglichst viel von Facebook abgucken, was die  erfolgreichen interaktiven Elemente angeht (also in die eigene Plattform investieren) oder
  • einfach mal den Mut haben, zusätzlich zur eigenen Plattform mit Facebook – oder auch anderen Social Media – zu experimentieren.

Ich glaube, dass Facebook & Co die Erwartungshaltung der Teilnehmer/innen an institutionelle Lernplattformen verändert haben.“

Diese Argumentationen gründen auf den explodierenden Möglichkeiten der Kommunikation, Vernetzung und Kooperation, die das Web 2.0 uns heute anbietet. Es war noch nie so unkompliziert sich mit zwei, drei
Eingaben eine gemeinsame Dateiablage, eine Netzwerkseite oder einen Blog einzurichten ohne AdministratorInnen, Formulare und Supporteinrichtungen bemühen zu müssen. Das diffuse „Versprechen auf die Zukunft“ das R.Schulmeister – nach eigenem biografischem Erleben – dem Computer zuordnete (hier auf S. 317 zu finden) scheint sich zu erfüllen: Es wird auf den utopischen Überschuss der emergierenden Technologien spekuliert.
Auch international ist der Trend gesetzt, Facebook als vorteilhafte Alternative zu E-Learning-Plattformen zu verwenden. In dem IRRODL-Artikel schreiben Hagit Meishar-Tal, Gila Kurtz und Efrat Pieterse unter anderem

„[…] Facebook groups belong neither to the organization nor to the students. They are allegedly ’neutral,‘ belonging to Facebook. This has its pros and cons. On the one hand, depending on Facebook is risky in terms of content backup and privacy issues; on the other hand, the environment is free of charge and does not require any maintenance.“

Weder allgemeine „backup and privacy issues“ noch die handfeste Kritik am Datenschutzgebahren von Facebook scheinen die Vorteile aus der Sicht der Befürworter aufzuwiegen.

Notwendige Kritik oder nur allfällig erhobener Zeigefinger?

Das was mich eigentlich irritiert, ist nicht die Tatsache, dass sich an der Verfügbarkeit einer neuen, faszinierenden Technologie ein mediendidaktischer Hype aufschaukelt – das ist ein sattsam bekanntes Phänomen und lässt sich an nahezu jeder neu entstehenden Medientechnik und Medienformaten nachzeichnen. Das was mich wirklich irritiert, ist das Ausbleiben von kritischen, hörbaren Gegenstimmen, die sich eigentlich beinahe ebenso gesetzmäßig wie der Hype einstellten.
Man stelle sich vor, ein Fastfood-Unternehmen böte sich an, für Schulen die Pausenmilch zu sponsoren, oder Aldi einen Hörsaal: Die Beispiele sind real, jedoch haben es diese Beispiele geschafft, zu Gegenständen der öffentlichen Auseinandersetzung zu werden. Facebook als E-Learning Plattform? – das scheint kaum jemandes kritischen Nerv zu berühren.

Es ist nicht so, dass die kritische Einordnung überhaupt nicht stattfindet, am ehesten noch aus dem Bereich des Datenschutzes und der Datensicherheit, getragen von juristischen und sicherheitspolitischen Bedenken (vgl. die Beiträgen von Prof. Dr. Rainer W. Gerling und Dr. Moritz Karg auf der Campus Innovation 2012). Weiterhin werden vor allem im Hinblick auf die jungen NutzerInnengruppen die Gefahren des Internet und der sozialen Netzwerke thematisiert: Cybermobbing, der Umgang mit privaten Daten und sog. „nicht altersgerechte Inhalte“, nachzulesen in der JIM-Studie 2012 (Zusammenfassung) oder der BITKOM Studie Jugend 2.0 (Einleitung).

Es gibt jedoch auch darüber hinaus eine Reihe von gewichtigen guten Gründen, die Nutzung von kommerziellen Web 2.0-Diensten kritisch zu beleuchten und deren Verwendung im Kontext von E-Learning abzulehnen. Diese Gründe gehen über den Bereich der oben dargestellten juristischen und bewahrpädagogischen Ansätze hinaus und beziehen sich auf medienkritische Einwände vor dem Hintergrund pädagogischer Medientheorie.

Kritik aus der Perspektive pädagogischer Medientheorie

Die Perspektive einer pädagogischen Medientheorie bedeutet für mich, wie W.Sesink es formuliert,

“dass Bildung nicht lediglich betroffen, sondern aktiv und fundamental beteiligt ist an jenen Entwicklungen im Bereiche der Medien, auf die sie nun antworten soll. Dass also ihr Beitrag keineswegs nur darin liegt und liegen wird, wie ihre Antwort ausfällt, sondern schon längst stattgefunden hat und stattfindet, bevor in ihrem Namen eine Antwort gefunden wird. Dass m.a.W. Bildung in den Medien mit einer Explikation ihrer eigenen Implikationen konfrontiert ist.” (Sesink 2008: 14)

Es geht also darum, sich nicht nur als didaktisch motivierte AnwenderIn von technischem Werkzeug und medialer Formate zu verstehen sondern als GestalterIn der digitalen Lernkultur. Im Feld der digitalen Medien konvergieren die Bedeutungen von „Anwendung“, „Gestaltung“ und „Produktion“ didaktischer Gestaltungsräume und erweitern damit die Implikationen unseres Handelns. Dieser kreativ-produzierende Charakter des mediendidaktischen Handelns bleibt nicht folgenlos. Michael Kerres hat auf die „erzieherische“ Wirkung und lebensweltlichen Implikationen mediendidaktischer Arrangements schon vor längerer Zeit aufmerksam gemacht:

„Wenn wir mediengestützte Lernarrangements entwickeln, dann hat dies Implikationen für die Lebenswelt und das konkrete Handeln von Menschen. […] Jedes mediale Arrangement hat auch eine »medienerzieherische« Wirkung, d.h. Einfluss auf die Persönlichkeit des Einzelnen, das Zusammenleben der Menschen und die Kultur einer Gesellschaft.“ (Kerres 2007, S. 175)

Gleichzeitig ist die Zeit der Unschuld im Hinblick auf das Web 2.0 vorbei. Konstruktive Neugier und tentative Anwendungen sollten sich (spätestens) im Jahr 2013 mit kritischem Blick und reflektiertem Herangehen zusammentun. So schrieb Jörg Eisfeld-Reschke in einem Gastkommentar im Medienpäadgogik Praxisblog berechtigerweise für den Bereich der Medienarbeit mit Jugendlichen 

„Das Social Web ist heute keine Neuheit mehr. Es kommen zwar gelegentlich weitere Instrumente hinzu, doch der Rahmen ist im wesentlichen gleich geblieben. Heute sind soziale Medien fest im Alltag der Jugendlichen verankert und somit auch zwingender Bestandteil medienpädagogischer Arbeit. Sie hatten nun einige Jahre Zeit sich auf die neuen Herausforderungen einzustellen. Jetzt ist die Zeit des Ausprobierens und Lamentierens vorbei – ab jetzt bitte ordentlich.“

 

Warum wir Facebook (& Co) nicht in der Hochschullehre einsetzen sollten

Sicher bleibt es jedem selbst überlassen ob und wie intensiv Web-2.0-Dienste genutzt werden. Ich selber bin bekennender Nutzer der Google-Dienste (wie diesen Blog z.B.), von Diigo und diversen Anderen. Ganz sicher ist es auch gut und notwendig, wenn MediendidaktikerInnen neue technische Entwicklungen und Netzkultur ausprobieren und auch leben. Wir sollten aber sehr genau und in alle Richtungen überlegen, bevor wir die Nutzung dieser Dienste für die Hochschule anempfehlen oder gar zur Bedingung und Grundlage von Hochschullehre machen. Eine Reihe von kritischen Argumenten zur Nutzung von Web-2.0-Diensten im Kontext der Hochschullehre folgen hier:

1. Das Verhältnis zu Datenschutz und Datensicherheit ist bei kommerziellen Web-2.0-Diensten grundsätzlich prekär.

Dieses Argument drängt sich einerseits auf, es sollte aber ins den richtigen Kontext gestellt. werden. Denn natürlich sind alle kommerziellen Web-Dienste anfällig dafür, die privatwirtschaftlichen Interessen über die Interessen der NutzerInnen zu stellen, den Aufwand für Datenschutz gering zu halten und aus den Daten Gewinn zu schlagen. Massiv ist das natürlich bei den Internetgiganten Facebook und Google, die auf der personenbezogenen Werbung, Markenbildung und Life-Style-Formierungen ihre Geschäftsmodelle gründen. Und insbesondere Facebook ist massiv damit beschäftigt, hier die Grenze zum gläsernen Nutzer immer weiter zu ihren Gunsten zu verschieben und starteten schon diverse Versuchsballons diese Grenzen auch juristisch immer wieder auszutesten. Der Kontext in dem dies aber auch betrachtet werden muss, ist die Frage nach dem Datenschutz und der Datensicherheit der von den Hochschulen und Schulen betriebenen Anwendungen. Hier führt schon die Standardinstallation von Moodle zu Problemen, die erst ansatzweise in die Debatte geführt werden. Richtig bleibt aber die Feststellung, dass es etwas grundsätzlich anderes ist, ob es sich um öffentliche Einrichtungen oder um privatwirtschaftliche Unternehmungen handelt, die NutzerInnendaten sammeln, wobei für letztere diese Daten ein Kapital darstellen, das auf Rendite angewiesen ist, um seine frei flottierenden EigentümerInnen zu befriedigen.
 

2. Die Entgrenzung von Privatem und Öffentlichem ist bei kommerziellen Web-2.0-Diensten Teil des Geschäftsmodell.

…Kritik darf aber auch
differenzierter sein…

Facebook, Google und Co streben danach, dass sich die NutzerInnen immer öfter, länger und in immer mehr Kontexten  in von ihnen kontrollierten Bereichen aufhalten. Dabei wird die Grenze zwischen Privatem und Öffentlichem immer stärker verwischt und der Datensammelwut der Unternehmen geopfert. Die massenhafte Anwesenheit von Studierenden in sozialen Netzwerken (man kann auch sagen „in Facebook“) führt ja auch zu verkürzten Argumentationen a la „Wenn die da alle sind, dann müssen wir auch dort sein“. Ob das die gewünschten Effekte hat, bleibt natürlich mehr als fraglich: Schließlich bewegen sich Professoren und Lehrende mit gutem Grund auch nicht in Diskotheken „weil sich dort die Studierenden aufhalten“. In Schulen – und nicht nur da – wird inzwischen dazu übergegangen, den Zweitaccount zu empfehlen: Für die LehrerInnen, wohlgemerkt! Wichtiger scheint mir jedoch zu sein, dass hier keine Klärung des Verhältnisses von Privatheit, Kontrolle und Öffentlichkeit, nach der Konstitution von Bildungsräumen und deren Instrumentalisierung und Präformation angestrebt wird. Die Frage, wie sich der virtuelle Raum konstituiert und welche spezifischen Bedingungen mit welchen Vor- und Nachteile einhergehen ist beileibe noch nicht geklärt, sondern wird erst in jüngster Zeit aufgegriffen, z.B. in dem empfehlenswerten Buch „Kontrolle und Selbstkontrolle“.

3. Die Ökonomisierung des Sozialen ist (eine) Basis für die Gewinne der kommerziellen Web-2.0-Dienste. Bildung braucht aber möglichst unpräformierte, nicht-instrumentalisierte Räume.

Die „kostenfreie“ Nutzung von kommerziellen Web-2.0-Diensten gründet auf den (teilweise prospektiven) Gewinnerwartungen an die Internetunternehmen, für die die Online-Werbung das augenfälligste (aber nicht das einzige) Wertschöpfungsmodell bildet. Durch ausgefeilte Algorithmen und der fragwürdigen, intransparenten, nahezu lückenlosen Nachverfolgung der NutzerInnen im Web wird buchstäblich jeder Klick zu Geld gemacht. Kann das als Privatmensch noch hingenommen werden (Meine Daten für Eure Dienste = Deal) verbietet sich IMHO eine Unterstützung dieser Praxis für Bildungseinrichtungen im Hinblick auf die informationelle Selbstbestimmung. Die Ökonomisierung des Sozialen konkretisiert sich jedoch nicht nur über aufdringliche Werbung, sondern auch (und nachhaltiger) über die Mechanismen und Normen, die dem kommerzialisierten Online-Alltag eingeschrieben sind. So thematisieren zum Beispiel Mark Andrejevic sowie Ritzer & Jurgenson in diesem Zusammenhang die Rolle von „freier Arbeit“ der „Prosumer“ für die digitale Ökonomie. Weiterhin spannt sich in der Tradition der Gouvenemtalitätsdebatte eine weitreichende Kritik der Zurichtung der Subjekte in eine neoliberalen Ideologie des unternehmerischen Selbst, zum Beispiel von Carolin Wiedemann. Dem gegenüber gilt es aus meiner Sicht einen Bildungsbegriff zu behaupten, der sich auf die Schaffung von Spiel- und Bildungsräumen bezieht, auf die Schaffung eines potentiellen Raums, der wenigstens den Versuch unternimmt, sich jenseits des instrumentellen Zugriffs einer Ideologie der Nutzenoptimierung zu positionieren. Wie sich ein solcher virtueller Raum denken lässt, haben z.B. Ludwig & Petersheim beschrieben

4. Die Abhängigkeit von intransparenten Geschäftspolitiken der kommerziellen Web-2.0-Dienste kann langfristige Projekt torpedieren und geleistete Arbeit zunichte machen

Kommerzielle Web-2.0-Dienste folgen den Logiken der Märkte und unternehmerischen Strategien. Die Unternehmen und deren Dienste sind privaten Eigentumsverhältnissen unterworfen und daher Gegenstand von Übernahmen, Fusionen und Pleiten. Ich selber habe eine solche Erfahrung das erste Mal mit dem Social-Bookmarking-Dienst Delicious gemacht, dass nach dem Verkauf durch Yahoo für meine Zwecke nicht mehr zu gebrauchen war. Selbiges geschah aber auch mit dem Google-Notebook. Abzuwarten bleibt, ob sich auch bei den Cloud-Diensten Ähnliches ereignen wird. Schon fast nicht mehr einen Aufreger wert ist die Feststellung, dass sich die entsprechenden Internetunternehmen offensichtlich nicht um die damit verbundenen Probleme „ernsthafter“ NutzerInnen scheren.

5. Die Zentralisierung des Netzes, die von kommerziellen Web-2.0-Diensten angestrebt wird, bedeutet eine Verschlechterung für die NutzerInnen. Das Netz als offene Plattform ist wichtig für innovative Anwendungen – auch für den Bildungsbereich

Eine Voraussetzung für die Dynamik und Innovationskraft des Internet ist seine Offenheit. Damit ist nicht die Zugänglichkeit gemeint (die ist auch wichtig) sondern die Tatsache, dass das Internet technisch so konzipiert und aufgebaut wurde, dass es grundsätzlich offen ist für die verschiedensten Dienste und Angebote die davon Gebrauch machen wollen. Die beiden zentralen Charakteristika dieser Offenheit sind a) das Fehlen einer zentralen Kontrollinstanz und b) die Neutralität des Netzes gegenüber den Anwendungen, die von ihm Gebrauch machen. Laut John Naughton (2012, 43-51) waren es erst diese Eigenschaften, die so unterschiedliche Phänomene wie das World Wide Web und Web 2.0, Peer-to-Peer-Plattformen und schließlich auch soziale Netzwerke ermöglichten. Der offene Charakter des Internet ermöglicht es (im Prinzip) jedermann und -frau eigene Dienste und Angebote zu entwickeln und mit überschaubarem Aufwand weltweit anzubieten. Auch wenn das Verhältnis der Internetgiganten zur Netzneutralität ambivalent ist (ermöglicht sie doch erst deren Geschäftsmodelle) besteht die Tendenz, diese zu unterminieren. So macht der extensive Gebrauch von APIs durch Facebook (wie Robert Bodle in „Generation Facebook“ beschreibt) aus der Offenheit und Interoperabilität des Internet eine Plattform für die Verstärkung „oligiopolistischer Marktbeherrschung und Kundenbindung ebenso wie sozialer Norm[en][…], die den Datenschutz und die Nutzerautornomie verletzen“ (S. 95). Gleichzeitig entsteht die Tendenz, dass große Web-2.0-Dienste eigene Infrastrukturen aufbauen und gemäß ihrer Interessen gestalten.

Was sollten wir tun?

Was folgt aus der Kritik an Facbook & Co? Was sollten wir als praktische und theoretische Medienschaffender also tun? Dazu fallen mir zunächst mal folgende Punkte ein, weiteres wäre gemeinsam zu entwickeln und zu diskutieren:

  • Wir sollten unsere Wahrnehmung und unsere Begrifflichkeiten schärfen: Das „Web 2.0“ ist nicht das gleiche wie „Social-Software“, eine Web-Dienst (z.B. „Diigo“) ist etwas anderes als eine Software („Social Bookmarking Software“).
  • Wir sollten uns für Dienste und Web-Angebote im eigenen Haus (in der Hochschule, in der Schule etc.) stark machen. Dazu gehört es auch, sich mit den vermeintlich „uncooleren“ Alternativen anzufreunden („Moodle statt Dropbox!“).
  • Wir sollten den kritischen Diskurs pflegen und ausweiten. Die Zukunft des Internet ist immer noch offen, denn „For the Internet, Disruption is not a Bug, but a Feature“ (J. Naughton). Das eröffnet auch Spielräume und Raum für unsere eigenen Utopien.
  • Wir sollten, wo immer möglich, für Offenheit und offene Handlungsräume eintreten. Das Web bietet dafür wunderbare Möglichkeiten und viele Ansätze.