Perspektivenwechsel und Mut zum „Andersmachen“ statt methodisch-medialer Aufrüstung

Ein Erfahrungsbericht von einer Beratung

Vor ein paar Tagen war ich wieder einmal in einer Beratung mit einem Lehrenden der Uni Potsdam. Im Nachgang ist mir dieses Treffen noch mehfach durch den Kopf gegangen, denn mir war im Verlauf des Gesprächs klar geworden, dass wir versuchten, alleine an den methodisch-medialen Stellschrauben der Lehrveranstaltung zu drehen. Das hätte wohl zu einem (noch) ausgefeilterem E-Teaching-Szenario für die Lehrveranstaltunggeführt, aber wahrscheinlich dass Problem des Lehrenden nicht gelöst hätten.

 

Ausgangspunkt

Ausgangspunkt war die Fragestellung „Was kann ich mit E-Learning-Mitteln noch machen, damit Studierende aktiver werden, damit sie stärker motiviert sind und mehr Interaktion in der Teilnehmer*innengruppe entsteht?“

Der Lehrende macht bereits einiges im E-Teaching: Dazu gehören die Bereitstellung eines gut gemachten Moodle-Kurses, das Einbeziehen von Smart-Boards in die Lehre, die Einbindung von Videomaterial, ein Interesse an mobilen Szenarien und noch mehr.
Zu den Rahmendedingungen der Lehrveranstaltung gehört dass es für manche Studierenden eine Pflichtveranstaltung ist, für einige ein Nice-To-Have, dass sich gut in der Bildungsbiografie macht. Die Mehrheit der Teilnehmenden mach diese Veranstaltung wohl nicht aus „intrinsischen“ Motiven. Ein ausgesprochender Selbststudienanteil ist nicht ausgewiesen, die Leistungserbringung ist neben der aktiven Teilnahme ein Zwischetest und eine Klausur. Im Institut wird übermäßiges Engagement in der Lehre nicht goutiert, was zu der irren Situation führt, dass der Lehrende seine E-Teaching-Aktivitäten – in die er viel Zeit investiert – nicht „an die große Glocke hängt“. Der erste Impuls und wohl auch die Erwartung des Lehrenden war: „Welche weiteren Methoden, Aktivitäten, TIpps & Tricks zur Gestaltung des Lehr-/Lernszenarios?“ Jedoch: Macht es Sinn, ist es ökonomisch auf dieser Seite der Lehr-/Lernsituation anzufangen? Bei der Aus- und Umgestaltung von Interaktionsmöglichkeiten, Ausweitung der Online-Aktivitäten, bleibt das Grundproblem bestehen. Es ist ja nicht zu erwarten, dass Studierende bspw. von einem Peer-Review Verfahren („Man sieht, dass Du dir viel Arbeit gemacht hast.“) immer inhaltlich profitieren.

 

Aus der Perspektive der Studierenden gesehen

„Distance Learning“-Szenarien stellen hohe Anforderungen an die Studierenden: In der Aufwand-Nutzen-Rechnung kommt daher ein Präsenzseminar oft besser weg als ein E-Learning-Szenario, das mehr Selbstorganisation und Prokrastrinationsmanagement der Lernenden erfordert.
Allerdings: Durch die Lehrenden ist dieser „Mehraufwand“ ja durchaus gewünscht, denn es besteht ja das didaktische Kalkül, dass diese Anstrengungen zur Entwicklung der Selbststeuerungs- und Selbstorganisationsfähigkeit beitragen. Führt man diesen Gedanken weiter, dann dürften die Online-Anteile aus der Perspektive der Studierenden gesehen nicht auf das Lehrveranstaltungskonzept „aufgesattelt“ sein, sondern müssten eine wirkliche Alternative zur Präsenzveranstaltung bieten. Es sollte nicht zwischen mehr oder weniger Aufwand, sondern zwischen dieser oder jener Arbeitsweise gewählt werden können.

 

Wie kann so ein Szenario aussehen?

Ein enstprechendes Szenario könnte so aussehen:

  • Die dreistündige wöchtenliche Veranstaltung wird in einen Präsenzteil und einen optionalen Teil getrennt, in dem die Studierenden zwischen Online-Arbeit oder der Teilnahme an dem Präsenzseminar wählen können. 
  • In den Online-Anteilen stehen vor allem Schreib- und (aktive) Leseaktivitäten sowie kollaboratives Arbeiten im Fokus.
  • Die Online-Phase müssten stark strukturiert werden. Dies hat zum Ziel, zum einen den Studierenden einen relativ festen Rahmen für das Selbststudium zu schaffen (ergebnisbezogen, terminiert, „angeleitet“) zum anderen soll dies ermöglichen, dass Online-Arbeit und Präsenz so weit wie möglich synchronisiert sind. 

In diesem Semester wollen wir nun noch einmal die Möglichkeiten von Moodle erforschen, attraktive und genügend anspruchsvolle Aktiväten zu gestalten. Weiterhin muss die Lehrveranstaltung daraufhin untersucht werden, wie eine optionale (!) Online-Arbeit und die Präsenzzeit differenziert werden können, so dass sie ein sinnvolles Ganze bilden, dass von den Lehrzielen und dem Anforderungsniveau der Präsenzveranstaltung entspricht. Und das alles muss noch für den Lehrenden mit einem vernünftigen Aufwand zu bewältigen sein.Wichtig wird es auch sein, das Gespräch mit den Studierenden zu suchen, um zu erfahren, wie diese zum E-Learning, zur Präsenz und zu den Herausforderungen selbstgesteuerter Arbeit im Studium stehen. Vielleicht stellen wir fest, dass die „Zielgruppe“ das alles gar nicht will – dann müssen wir auch den Mut haben, den Plan wieder zu begraben. Und schließlich sind die Verantworlichen im Fachbereich davon zu überzeugen, das Experiment zu unterstützen und dem Lehrenden die Freiheit einzuräumen, seine Online-Arbeit aufzuwerten.

 

Was ist das für ein Transformationsmodell?

Man kann das Vorhaben als einen Akt der Transformation von einem „Anreicherungssezanrio“ der Lehre hin zu einem „optionalen Blended-Learning“ betrachten. Kernpunkt und Herausforderung ist es, dass der Online-Anteil und die dadurch ersetzte Präsenz prinzipiell gleichwertig sein müssten. Ordnet man versuchshalber dieses Vorgehen in die E-Learning-Vorgehensmodelle ein fällt mir zunächst das SAMR-Modell ein (Substitute, Augment, Modify, Redefine), den hier geht es um eine stufenweise Einführung und Wirkungsentfaltung von Technik im Sinn einer Weiterentwicklung der Lehre. Das „Ersetzen“ von Präsenzlehre selbst ist dabei aber noch keine didaktische Weiterentwicklung ist, sondern „using new technologies in very much the same ways they used older, more familiar technologies.“ (http://www.steve-wheeler.co.uk/2014/11/here-comes-samr.html)- Also „Aufgabe digital online einreichen, anstelle von ausgedruckt im Sekretariat abgeben“, „Forum“ statt „Mailverkehr“, „digitales Lehrmaterial“ statt „Buch“, „Online-Test“ anstelle von „Zwischenklausur“…
Die Idee, die dahinter steckt ist, dass sowohl „Mehrwerte“ als auch medientechnische „Potentiale“ sich bei den AnwenderInnen (in diesem Fall die Lehrenden) realisieren: Und zwar meistens erst im Laufe einer Entwicklung, in deren Verlauf die neue Medientechnik in das Lehrhandeln inkooperiert wird. Es bedeutet auch den Lehrenden darin zu vertrauen, dass sie a) ein Interesse an einer Weiterentwicklung der Lehre haben und b) kompetent und kreativ genug sind oder werden können, dass es nicht bei „altem Wein in neuen Schläuchen“ stehenbleibt.

 

Wie stehts um die Pädagogik?

Ordnet man das, was wir in dem Kurs jetzt vorhaben in erziehungswissenschaftliche Kategorien fällt mir die Achse „selbstbestimmtes Lernen“ – „fremdbestimmtes Lernen“ ein, auf der irgendwo dazwischen das „selbstorganisierte“ und das „selbstgesteuerte“ Lernen liegen. Hier würde ich denken, wir liegen im Bereich der Selbststeuerung, denn Inhalte, Methoden, zeitliche Struktur und Ziele sind vorgegeben. Vermutlich liegt hier der Clou des ganzen Projekts: Es geht darum  einen relativ kleinen Schritt in Richtung „selbstgesteuerten E-Learnings“ zu gehen. Darin wird eigentlich nicht das E-Learning weiterentwickelt – was mal der Ausgangspunt der Beratungsanfrage gewesen war, sondern die organisatorische Rahmung des Lehr-/Lernarrangement unter Anwendung von Medientechnik.

C.P. gewidmet

Erstkontakt – Ein Erlebnis mit der Lehre

In den letzten Wochen bin ich im Zusammenhang mit dem HSP-III Projekt E-Learning in Studienbereichen – eLiS an der UP wieder verstärkt mit Lehrenden in den ersten Kontaktaufnahmen. Das sind immer sehr aufschlussreiche Termine für mich – die längste Zeit bin ich doch mit E-Learning-Aktiven, -ExpertInnen und -Professionellen im Gespräch. Folgende Episode hat mich stark beschäftigt und daher möchte ich diese hier zum Besten geben:

By Tasylda Putri (Own work) [CC-BY-SA-3.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0)], via Wikimedia Commons

Dem Dozenten, mit dem ich mich zur Beratung getroffen habe, geht es in den Lehrveranstaltungen vor allem um Schreibkompetenzen. Eine seiner Methoden dafür ist, die TeilnehmerInnen im Laufe des Semesters kurze Texte schreiben zu lassen. Das geschieht in Schulheften, die der Dozent einsammelt und korrigiert. Auf seinem Schreibtisch liegt dieser Stapel Hefte und die Korrekturen finden klassisch mit rotem „Korrekturstift“ direkt in den Heften statt. Also ich habe mich erst mal genau so gefühlt, wie das klingt – nämlich frappierend an Schulunterricht erinnernd. Und hierbei auch nicht an die innovativen Unterrichtsformen die z.B. ich durchaus erlebt habe (Hessen, 80er). Dazu habe ich noch erfahren, dass diese, mindestens ambivalente, Schulunterrichts-Assoziation 1. dem Lehrenden auch klar war und 2. auch die Studierenden zuweilen befremdet, wie er berichtete. Der Dozent hatte jedoch auch zwei nachvollziehbare und mir unmittelbar einleuchtende Begründungen.
Zum Einen findet die Leistungserfassung zur Lehrveranstaltung in Form einer schriftlichen Klausur statt. Der Dozent möchte die Studierenden auf diese Arbeit vorbereiten. Zum anderen fällt die Korrektur und Annotation von Texten mit „Papier und Stift“ dem Dozenten, wie vermutlich sehr vielen Menschen, leichter als unter Anwendung von Textverarbeitung und Annotationswerkzeugen. Erst recht natürlich, wenn dieser Text schon in Papierform vorliegt.
Damit stellten sich mir in etwa folgende Fragen: Gibt es hier einen Bedarf für den Einsatz digitaler Medien? Ist vielleicht ein Szenario vorstellbar, in dem manuelle von digitaler Schriftlichkeit abgelöst wird und die ungute Attribution „Schulunterricht“ ablösen kann? Was ist hier eigentlich los?
Festgehalten werden kann wohl:

  • Das Setting ist auf die Form der Leistungserfassung (schriftliche Klausur) ausgerichtet und davon überformt. Eine aus den spezifischen Lehrzielen abgeleitete Begründung für die manualle Schriftlichkeit scheint es nicht zu geben. Der Handlungsspielraum scheint durch die Form der Leistungserfassung schon final eingeschränkt.
  • Es ist nicht bekannt, ob das Schreiben in den Heften den Studierenden bei der Bewältigung der Klausur hilft. Das ist wohl die handlungsleitende Vermutung des Dozenten aber ich habe das nicht weiter nachgefragt ob ihm bekannt ist, was die Studierenden dazu berichten. Das wäre also mindestens eine Nachfrage wert.
  • Das Phänomen, dass die Lehrveranstaltung vom gewünschten, zertifizierungsrelevanem Ergebniss her gedacht und geplant wird (z.B. von G. Reinmann ausgesprochen, ich weiß jedoch nicht mehr genau wann oder wo….)  ist nicht nur auf Seiten der Studierenden vertreten, sondern auch bei Lehrenden.

Was kann also aus der Sicht eines Beratenden in Sachen E-Learning hier entwickelt werden? In etwa vielleicht Folgendes: Es wäre nachzuschauen, ob die (hand)schriftliche Klausur eigentlich ein unabdingbares  Muss ist. Es könnte überlegt werden, ob die Lust am Schreiben mit Hilfe digitaler Medien gehoben werden kann, z.B. durch das Veröffentlichen qualitätsgeprüfter (=korrigierter) Beiträge auf einer Projektwebseite. Schließlich müsste die Rückmeldung der Studierenden gesucht und organisiert werden. Aus einem „Standardtermin“ haben sich zumindest für mich eine Reihe von spannenden Fragen und Perspektiven ergeben!