„Teilhabe an Bildung und Wissenschaft“ – Call for Papers für die Jahrestagung GMW 2019

„Teilhabe“ als Anspruch und als Praxis von Bildung. Gemeinsame Jahrestagung von GMW und DelFi 2019 in Berlin

Vom 16. bis 19. September 2019 findet in Berlin die 27. Jahrestagung der Gesellschaft für Medien in der Wissenschaft e.V. (GMW2019) zusammen mit der 17. Jahrestagung der Fachgruppe E-Learning der Gesellschaft für Informatik e.V. (DeLFI 2019) statt. Das Thema der diesjährigen Tagung ist „Teilhabe“ – durchaus in einem umfassenden Sinn gemeint.
Aus dem Call:
„Teilhabe als Anspruch und als Praxis von Bildung und Wissenschaft bekommt […] eine neue, erweiterte Bedeutung. Diese umfasst den Abbau von Zugangshürden, die partizipative Entwicklung von Inhalten oder die Förderung aktiver Teilnahme durch adaptive und personalisierbare Medien. In der Tagung soll der Blick gleichzeitig auf Bildung und Wissenschaft gerichtet werden: hier ermöglichen Medien und Technologien neue Formen von Kollaboration, Integration, Wissenschaftskommunikation sowie neue Verbindungen von Forschung, Lehre und Publikation.“

Die Deadline für Einreichungen von Textbeiträgen ist der 17.03.2019

Hochschule und Digitalisierung: Was wird in den kommenden fünf Jahren wichtig?

„Welche Themen werden im Zuge der Digitalisierung aus Ihrer Sicht in den nächsten 5 Jahren einen großen Einfluss auf Hochschulen haben?“ hatte das Hochschulforum Digitalisierung gefragt. Um diese Frage zu beantworten, musste ich für mich selber gedanklich ein wenig ausholen. Und weil ich mich gerade öfter mal an Visualisierungen versuche habe ich den Post auch mit „graphischen Elementen“ angereichert.

 

Hochschulen differenzieren sich aus und existieren in einem zunehmend unsicheren Umfeld. Am wahrscheinlichsten ist daher eine „Politik der kleinen Schritte“

TEICHLER hatte 2002 fünf Bereiche benannt, in denen er Prognosemöglichkeiten für die Hochschulentwicklung ausgemacht hatte

  1. Expansion der Bildungsbeteiligung, 
  2. Differenzierung der Hochschullandschaft, 
  3. Steuerungsprobleme in der Organisation der Hochschule, 
  4. Internationalisierung des Hochschulwesens und 
  5. Komplexitätszunahme in der Hochschulorganisation. 

15 Jahre später kann man  feststellen, dass a) diese Palette der Megatrends nach wie vor gültig ist und b) neue Anforderungen hinzugekommen sind, beispielsweise

  • der Ruf nach Kulturwandel und Erneuerung der Lehre (vgl. Wissenschaftsrat 2017), 
  • die zunehmende Heterogenität der Studierendenschaft (vgl. ENQA 2015),
  • die Stärkung demokratischer und humaner Werte (vgl. Oliver Reis auf der dghd-Tagung 2017), 
  • die Bewältigung der Folgen von nationalen Abgrenzungspolitiken, Migrationsbewegungen nach Zentraleuropa und neue Gewalttätigkeit (vgl. einen Blick in Zeitungen und Nachrichten). 
  • Und natürlich die Digitalisierung, die mit neuer Dringlichkeit „von ganz oben“ thematisiert wird.

Wenn ich versuche, diese Phänomene hinsichtlich ihrer Wirkung auf die Hochschulen auf einen Nenner zu bringen, scheint mir die „Differenzierung“ das allgemeine Bewegungsmuster zu sein. Es ist mehr als wahrscheinlich, dass auf die diversen, drängenden und stellenweise existentiellen Herausforderungen an die Hochschulen die vielen unterschiedlichen Ausgangslagen und Zielsetzungen zu verschiedenen Bewältigungsstrategien und Handlungsperspektiven führen werden. Damit eng verbunden dürfte ein Zustand sein, der sich in Zeiten beschleunigten Wandels (wann war der eigentlich mal langsam?) und im Hinblick auf komplexe, schwer steuerbare Einheiten ebenfalls eine normale Reaktion sein dürfte: Verunsicherung. Daraus dürfte eine Minderung der Risikobereitschaft folgen und im wahrscheinlichesten Fall eine Strategie der „kleinen Schritte“.

Wie verbreiten sich technologische Neuerungen? Das Diffusionsmodell nach ROGERS

Um die Verbreitung technologischer Innovationen besser zu verstehen sind zwei Modelle hilfreich: Die „Diffusion von Innovationen“ nach ROGERS und der „Hype-Cycle technologischer Innovationen“ nach FENN (auch als „Gartner-Hype-Cycle“ bekannt).

Nach ROGERs teilen sich die Akteure bei der Verbreitung technologischer Neuerungen in zwei gleiche Hälften: Die ersten 50% beinhalten die „Early Adopters“ und die „Early Majority“ also die „Innovator*innen“ und diejenigen, die in den Neuerungen einen Nutzen für sich erkennen können, wobei sie mit einer gewissen Risikobereitschaft ausgestattet sind, die auf dem Vertrauen auf die innovativen
Anwender*innen basiert. Die zweite Hälfte der Anwender*innen teilt sich in „Late Majority“ und „Leggars“ ein. Für beide gilt, dass sie sich erst dann bewegen, wenn es wirklich nicht anders mehr geht.
In der Studie „Monitor Digitale Bildung, Hochschulen im digitalen Zeitalter“ ist vor einigen Monaten festgestellt worden, dass ca. die Hälfte der Angehörigen von Hochschulleitungen und Mitarbeiter*innen der Hochschulen der Digitalisierung der Lehre skeptisch gegenüber stehen. Es ist nicht unplausibel, die „Digitalsierungskeptiker“ in der zweiten Hälfte der Anwendertypen nach ROGERS zu verorten. Allerdings stehen die Skeptiker*innen unter einem nicht unerheblichem Druck. Sich der „Bildung 4.0“ gänzlich zu verschließen scheint angesichts der massiven Interessen aus der Bildungspolitik fast unmöglich. Was wird man also als Hochschulleitung klugerweise machen? Man wird sich an die Themen heranwagen, die bereits von der „Early Majority“ übernommen worden sind. Nach ROGERS sind es diejenigen Handungsoptionen deren

  1. Nutzen nachgewiesen worden ist, die
  2. anschlussfähig an bestehende Praxis sind und für die
  3. eine ausreichende Erfahrungsbasis existiert. 

Für diese Themen gilt, dass sie ein geringes Risiko des Scheiterns darstellen, damit gewinnt man zwar keine Innovationspreise aber man setzt sich auch nicht dem Verdacht aus, sich dem Fortschritt zu widersetzen.

Wie  lässt sich Technologieentwicklung abschätzen? Der Hype-Cycle technischer Innovationen nach FENN

Das FENN-Diagramm beschreibt ursprünglich, wie sich der Aufmerksamkeitsgrad für eine (technische) Innovation im Laufe der Zeit entwickelt. Das Modell unterscheidet fünf Phasen:

  1. Innovation Trigger, 
  2. Peak of Inflated Expectations, 
  3. Trough of Disillusionment, 
  4. Slope of Enlightenment und das 
  5. Plateau of Productivity. 

Im Grunde zeigt die Kurve einen „Einpendelvorgang“ bei dem auf einen kräftigen Impuls hin die Kurve erst stark in die eine Richtung ausschlägt („Gipfel der überhöhten Erwartungen“), dann die Gegenbewegung fast ebenso kräftig einsetzt („Tal der Enttäuschung“) um sich schließlich auf einem höheren Niveau als dass der Ausgangsituation zu stabilisieren („Plateau der Produktivität“). Durch die Beratungsfirma Gartner wird alljährlich ein „Hype-Zyklus für das Bildungswesen“ („Hype Cycle for Education“) erstellt. Neben der schlichten Eleganz ist das Modell wohl auch so populär, weil es sich in der Wirklichkeit immer wieder zu bestätigen scheint. Die Innovationen werden mit ihren Möglichkeiten erprobt, dann werden weitergehende Möglichkeiten und Verbindungen entdeckt und Wirkungsweisen antizipiert. Mit der breiter werden Anwendung werden aber auch Schwierigkeiten deutlich, nicht-antizipierte Wirkungen sichtbar. Wenn Möglichkeiten und Erwartungen sich annähern und die Kinderkrankheiten verschwinden können sich stabile Szenarien entwickeln und kann die Technologie produktiv genutzt werden. In dieser Phase werden neue Technologien auch für die „Late Majority“ interessant.

Die Top-Themen sind nicht innovativ, sondern nutzbringend und erprobt

Ich definiere „Einfluss“ nicht als „Aufmerksamkeit“ sondern meine, dass zur Abschätzung des Einfluss auch der Grad der Verbreitung gehört. Einen „Einfluss auf die Hochschulen“ werden also weniger die innovativsten, neuesten Technologien haben, sondern diejenigen, die sich am schnellsten in der Fläche der Hochschullandschaft verbreiten. Dabei gehe ich davon aus, dass ein spürbarer Einfluss erst dann entsteht, wenn sich deutlich mehr als die Hälfte der potentiellen Anwender*innen einer Technologie zuwenden, wobei ich als „Anwender*in“ jeweils eine ganze Hochschule betrachte, nicht die Individuen die darin agieren. Aufgrund dieser Vorüberlegungen komme ich zu folgender, priorisierter Liste:

Videoinhalte

Die Aufzeichnung von Vorlesungen oder eigens produzierte Lehrmedien im Video-Format haben bereits eine stürmische Verbreitung erfahren. Hardware und Software sind heute, nicht zuletzt auch durch die Verbreitung von Tablets, erschwinglich und können mit ein wenig Übung ansehnliche Ergebnisse produzieren. Der Erklär-Clip auf Youtube erfreut sich bei Hersteller*innen wie Nutzer*innen wachsender Beliebtheit. Sicherlich ist es und bleibt es weiterhin so, dass wirklich gute Inhalte immer einen entsprechenden Aufwand bedeuten, andererseits hat das Video – zumindest wenn es nicht in High-End-Qualität vorliegen muss – ein unschlagbar gutes Kosten-Nutzen-Verhältnis oder anders gesagt: Mit Video kann am weitaus günstigsten Content hergestellt werden der in diversen Lehr-Lern-Arrangements flexibel genutzt werden kann.

E-Assessment, im engeren Sinn „E-Prüfungen“

Die ersten großen Testcenter sind jetzt teilweise bereits seit Jahren in Betrieb. Die Erfahrungen sind überwiegend positiv. Die rechtlichen Fragen scheinen so weit  geklärt und in der Praxis bewähren sich die Formate und Settings. Die Nachfragen von Lehrenden mehren sich.  Getrieben wird die Entwicklung von hohen Studierendenzahlen und vermehrten Prüfungsaufwand durch Modularisierung. In der Skalierung lassen sich sogar ökonomische Vorteile erahnen und die Akzeptanz bei Prüflingen und Lehrenden ist hoch.

E-Portfolio

Auch E-Portfolios haben, relativ unbemerkt, einen steilen Aufstieg hingelegt. Mit MAHARA steht eine reife, freie Plattform zur Verfügung, in der Lehrer*innenbildung ist die Portfolioarbeit flächendeckend (?) curricular verankert. E-Portfolio-Plattformen in ihrem jetzigen Erscheinungbild stellen den nächsten technologischen Schritt nach den hierarchisch organisierten Learning-Management-Systeme dar und machen die Prinzipien des Web 2.0 für Lehr-Lernszenarien im geschützten „Bildungsraum Hochschule“ verfügbar. In mehr und mehr Lehr-/Lernszenarien, insbesondere wenn Kompetenzorientierung deutlicher hervorgehoben werden soll, wird das Portfolio zur ergänzenden oder zentralen E-Learning-Plattform.

Mobile Anwendungen, Apps auf Smartphone und Tablet

Die App-Technologie hat zwar die Bildung nicht revolutioniert, für begrenzte Anwendungsbereiche machen die mobilen Programme aber einen guten Job. Apps und Mobile Webseiten werden für Audience-Response-Systeme (alternativ zum „Clicker“-System) eingesetzt, diverse Spielarten von Quiz- und Karteikarten-Apps sind verfügbar (und warten oftmals auf Inhalte und Nutzer*innen). Die Hochschul-App, vorrangig als mobiles Informations- und Service-Portal verstanden, ist eine sinnvolle Ergänzung für die Informations- und Kommunkationsstruktur der Hochschschulen (Mensaplan!). Apps machen hier nicht nur Sinn, sie sind außerdem bezahlbar und beim Publikum äußerst beliebt.

Cloud-Dienste

Ein paar Hochschulen (z.B. die Uni Potsdam) und die Planungen zur „Schulcloud“ zeigen es: Die Nutzung von „Software as a Service“ und von Online-Speichern ist auch für Bildungseinrichtungen machbar. Es erfordert allerding schon ein einigermaßen handlungsfähiges und experimentierfreudiges Rechenzentrum um einen Cloud-Dienst für eine Bildungsinstitution anzubieten. Das ist nicht nur eine Frage von Infrastruktur und Dienste-Architektur, sondern auch von Sicherheit. Da holt der ein oder die andere IT-Verantwortliche schon mal tief Luft…  Die Risiken scheinen aber beherrschbar, die Vorteile hingegen immens und überdies für jeden leicht nachvollziehbar, die Unabhängigkeit von kommerziellen Anbietern und Bedingungen sind ein wirkliches Argument. Daher dürften auch die Cloud-Dienste ein heisser Kandidat für eine Technik sein, die sich bald an Hochschulen weiter verbreitet.

Blended Learning als Substitution von Präsenzlehre

Blended Learning ist keine Technik aber ein Kind der Digitalisierung. Gemeint sind E-Learning-Szenarien, in denen die computerunterstützen Anteile (in der Regel online) didaktisch-methodisch in das Lehr-/Lernsetting integriert und obligarisch zur Erreichung der Lehrziele sind. In aller Regel bedeutet das aber nicht, dass Präsenzanteile der Lehre dadurch ersetzt werden, die weitaus häufigste Nutzungweise dürfte in der Anwendung zwischen den Präsenzterminen liegen. Andererseits ist vielfach erprobt und auch belegt, dass gut gemachte Online-Szenarien den Präsenzsituationen in punkto Lernwirksamkeit, Kompetenzentwicklung und Studienleistungen in Nichts nachstehen. Gleichwohl ist die aktive Nutzung von Online-Szenarien anstelle von Präsenzlehre noch ein wirkliches Innovationspotential. Die Technologie dafür ist schon länger bekannt, die Umsetzung hängt von der Beweglichkeit der Lehrenden und der Hochschulleitungen ab, solche Lehr-/Lernarrangement als Regelfall zu akzeptieren. Die Diskussion um das Lehrdeputat – als Regelungsaufgabe oder als Aufgabe für eine neue Praxis – wird uns jedenfalls in den kommenden Jahre stärker beschäftigen.

OAURHWISSG! – der Kampfschrei der Feinde der Publikationsfreiheit?

Die Reform des Urheberrechts als Ende der Bildung?

 

UPDATE (23.02.2017) Für diejenigen, die den Entwurf für ein bildungsfreundlich(er)es Urheberrecht unterstützen möchten, existiert die Online-Petition „Unterstützung des Referentenentwurfs zur Reform des Urheberrechts“ auf change.org

Publikationsfreiheit – für eine starke Bildungsrepublik“ heisst bedeutungsvoll die Webseite auf der Autor*innen, Verlage und Akteure zum Protest gegen den vorliegenden Referentenentwurf zu einer Neufassung des Urheberrechts (das Urheberrechts-Wissensgesellschafts-Gesetz – UrhWissG) und die Open-Acess-Strategie der BMBF vom Herbst 2016 (OA-Strategie) aufrufen. Worum geht es? Im Koalitionsvertrag 2013 wurde das „bildungs- und forschungsfreundliches Urheberrecht und eine umfassende Open-Access-Politik„als politisches Ziel vereinbart und nun liegen mit den beiden Dokumente die Lieferungen der Ministerien vor. Betroffene und Interessierte können zu dem Entwurf des UrhWissG noch bis zum 24.02. Stellung nehmen. Damit tritt der seit Jahren immer wieder neu aufflammende Streit um die Vergütung von Autor*innen und Verlage für die sogenannte “Zweitnutzung” von Texten in Bildung und Forschung, also Kopien, Scans und PDF-Dateien in eine neue, vielleicht entscheidende Phase. Angetrieben ist diese Auseinandersetzung von der fortschreitenden Digitalisierung, die sowohl die Nutzung von Texten in Lernplattformen und digitalen Sammlungen (sog. “Repositorien”) betrifft, als auch zu einem veränderten (Selbst-)Verständnis der Autor*innen von wissenschaftlichen Texten geführt hat, für die sich neue Möglichkeiten ergeben, ihre Fachöffentlichkeit und publizistische Aufmerksamkeit zu erreichen. Mit dem Gesetzentwurf zum Urheberrecht und dem Strategiepapier zu Open Access positioniert sich die Koalition nun deutlich gegen die Interessen der Verlage und für die Interessen von Wissenschaft und Bildung.

http://www.urheberrechtsbuendnis.de/pressemitteilung0217.html.de

Der Entwurf des Urheberrechts-Wissensgesellschafts-Gesetz – UrhWissG

Der Entwurf zur Neufassung des Urheberrechts wie er jetzt vorliegt, berücksichtigt die Interessen von Bildung und Forschung mindestens in dem Maße, wie es die bestehende Regelung mit der so genannten “Wissenschaftsschranke” nach § 52a UrhG bereits umsetzt, in Teilen ist das neue Gesetz etwas weitergehend und versucht die “klassischen” Unklarheiten und Streitpunkte des alten
Gesetzestextes zu entschärfen. Die Einzelvergütung von Texten und der Vorrang von Angeboten der Verlage gegenüber den Angeboten von Hochschulen und Bibliotheken – die beiden wesentlichen Kritikpunkte der Auseinandersetzung um den Unirahmenvertrag Ende 2016 – werden im Entwurf ausgeschlossen. Mit einer ganzen Reihe von Einzelregelungen (die Ausnahmen für Bildung und Forschung sind jetzt in acht Einzelregelungen, §60a – 60h festgehalten) ist der Entwurf für das Wissensgesellschafts-Urheberrecht leider nicht wirklich bildungs- und forschungsfreundlich ausgefallen. Es bleibt, so wie die alte Regelung komplex und erklärungsbedürftig. Die Einschätzung von iRights-Info klingt aber plausibel, dass eine pauschale Regelung vermutlich vor allem eine neue Welle von kleinteiligen Gerichtsentscheidungen zur Auslegung von Spezialfällen provoziert hätte. Mit der Reform des Urheberrechts sollte vor allem der seit Jahren schwelende und immer wieder aufflammende Streit um die Rolle der Verlage beigelegt werden. Dazu scheint die Zeit aber offensichtlich noch nicht reif, eine Verschlechterung ist es aber keinesfalls.

Die Open-Access-Strategie des Bundesforschungsministeriums

„Open-Access“ (OA) bezeichnet das Prinzip des freien Zugangs zu wissenschaftlichen Ressourcen. Explodierende Wissensmengen, die Möglichkeiten des Internet und die Tendenz der führenden Verlagshäuser, die wissenschaftliche Zeitschriften zu Melkkühen ihrer Geschäftsmodelle zu machen, haben dieser Bewegung in den letzten Jahren großen Zulauf beschert. Open Access reflektiert die Bedürfnisse der wissenschaftlichen Autorinnen und Autoren, die eigene Arbeit zu fairen Bedingungen vollwertig zu veröffentlichen und den einfachen elektronischen Zugriff auf so viel Ressourcen wie möglich zu haben. Für Lehre und Unterricht bedeutet OA einen Schritt nach vorne, denn die Beschränkungen und Regelungen aus dem Urheberrecht sind bereits erfüllt und die fraglichen Texte und Ressourcen sind bereits online verfügbar gemacht. Das Strategiepapier des BMBF zu OA enthält, neben Absichterklärungen und Bekenntnissen zu OA vor allem die sehr handfeste Ankündigung, dass die Pflicht zur Veröffentlichung von Forschungsergebnissen in frei zugänglichen Formaten in Zukunft Bestandteil der Förderbedingungen werden wird. Sinnvoll erscheint dies vor allem vor dem Hintergrund, dass die bisherige Regelung dazu führen konnte, dass für die Ergebnisse staatlich geförderter Forschung und Anwendung die Steuern zwei mal ausgegeben werden mussten: Erst für die Förderung des Projekts und dann für den Erwerb der Nutzungsrechte um die Ergebnisse aus diesem Projekt der Allgemeinheit zugänglich zu machen.

Ist die Publikationsfreiheit durch OA und UrhWissG bedroht?

Schenkt man den Autor*innen des Aufrufs “Publikationsfreiheit” Glauben, geht um nicht weniger als den Bestand der Demokratie. Behauptet wird in dem Aufruf, es gehe jetzt um die Zukunft des „freien Austausch von Wissen, Meinungen und Ideen“ in Deutschland, in

    „…einer Zeit, in der es wichtiger denn je ist, die Grenzen zwischen Fakten und Wissen auf der einen Seite und Behauptungen und Halbwissen auf der anderen Seite klar zu ziehen und zu verteidigen, müssen diese Grundrechte erst recht gestärkt werden. Der Weg in die Abhängigkeit von einigen wenigen global agierenden Medienanbietern oder gar in ein staatliches Publikationswesen führt zu einem Verlust von Qualität und Vielfalt – und letztlich von Bildung, Deutschlands wichtigstem Rohstoff.“

Feind der Demokratie (Xerox)

Flankiert wird der Aufruf, den bisher knapp 2.000 Personen unterschrieben haben, durch Mailings, beispielsweise aus dem Waxmann-Verlag in dem ebenfalls behauptet wird, dass mit „diesen Reformplänen […] die Leistungen von Autorinnen, Autoren und ihren Verlagen entwertet und das Investitionsrisiko für Lehr- und Lernmedien drastisch erhöht“ wird. Die (bekannte) Argumentationskette lautet in etwa: Ein offeneres, wissenschafts- und bildungsfreundliches Lizenz- und Fördermodell für bildungsrelevante Inhalte führt zum wirtschaftlichen Schaden der Verlage und AutorInnen, die daher keine Inhalte mehr produzieren und vertreiben können, was der Bildung insgesamt schade. Prägnanter äußert sich das in den Kommentaren der Unterzeichner*innen des Aufrufs. Kostproben: „Bildung in Wikipedia-Manier einer großen Masse zur Verfügung stellen zu wollen ist unseriös und das Gegenteil von qualifizierter Bildung„, „Der Anspruch der Autoren und Verlage auf Vergütung muss daher unbedingt erhalten bleiben„, „Wenn ‚content‘ nichts mehr wert ist, braucht man sich auch nicht zu wundern, dass die Qualität leidet“ oder „Wenn Veröffentlichungen, die sich für wissenschaftliche oder Lehrzwecke eignen, vom Staat enteignet werden, wird in diesem Bereich zukünftig eben nicht mehr veröffentlicht„. „Enteignung“, „Entwertung“, „Bildungsverlust“ scheinen die zentralen Argumentationen der Unterstützer*innen zu sein. Wo hier halbes und ganzes Wissen, Fakten und Behauptungen ineinander übergehen muss jede*r selber entscheiden – sicher scheint mir, das Sachlichkeit nicht der bevorzugte Diskussionsstil ist.

Die Sache: Kleine und mittlere Wissenschaftsverlage haben ein Problem

Ökonomischer Hintergrund der Debatte ist das Problem der mittleren und kleineren Wissenschaftsverlage, den Strukturwandel zu bewältigen. Die Deutsche Bank Research schrieb schon 2009 der Branche die Kernfrage ins Stammbuch: „Wie lässt sich das bisherige Geschäftsmodell, nämlich der Verkauf von Inhalten und Werbeanzeigen auf bedrucktem Papier, profitabel in die digitale Welt übertragen, ohne das noch auf Jahre hinaus wichtigere traditionelle Geschäft aus den Augen zu verlieren?“ (DB Reserch 2009). Für das Jahr 2016 diagnostizierte Christoph Salzig den Stand der Verlagsbranche in Horizont.net unter dem schönen Titel “Die Chroniken von Naja”:
„Da kommen gut zwanzig Jahre nach den ersten verlegerischen Gehversuchen im Netz Experten aus den USA, um deutschen Verlegern zu erklären, dass sie mutiger und investitionsfreudiger sein sollen. Und wie fällt die Reaktion der Verleger aus? – Naja, wenn wir das mit dem Geld verdienen im Internet nicht hinbekommen, dann muss uns die Politik eben dabei helfen!“
Verlagsbranche 2050

Im digitalen Wandel haben die Verlage, die in der Regel politisch und strategisch durch den
Börsenverein des Deutschen Buchhandels in der Öffentlichkeit vertreten werden, das Zweitverwertungsrecht als CashCow entdeckt. Seitdem (ca. seit den 2000er Jahren) werden sie nicht müde, die existenzbedrohenden “Ungerechtigkeiten”, “Einnahmeverluste” und “Enteignungen” zu beklagen, die dadurch entständen, dass die digitale Kopie die Photokopie zunehmend ersetzt und schlimmer noch, dass bei den digital vorliegenden Texten der Umweg über den Photokopierer erst gar nicht mehr stattfindet! Es ist verständlich, dass eine Branche deren zentrales Geschäftsmodell durch die Digitalisierung bedroht ist, versuchen muss, ihre Wertschöpfungsketten zu schützen. Allerdings ist der digitale Umbruch gerade in diesen Branchen übermächtig, als Fallstudien können hier die Musikindustrie, die Zeitungsbranche und die TV-Anbieter dienen. Das eine Suchmaschine zum Musik-Hub geriert, Zeitungen als Video-Apps rüberkommen und ein Buchhändler zum erfolgreichen TV-Broadcaster avanciert wundert uns als Konsumenten nicht mehr wirklich, für traditionelle Geschäftsmodellstrategien bedeutet es allerdings eine Katastrophe. Gerade für die mittleren und kleinen Verlage sind diese Entwicklungen existenzbedrohend und sie versuchen mit halbherzigen Versuchen zur Plattformbildung (siehe Digitaler Semesterapparat) und Mikropayment (siehe die vorzügliche zweiteilige Analyse von Florian Sprenger und Sebastian Gießmann) die erfolgreichen Geschäftmodelle “der Großen” zu imitieren. Allerdings besitzen sie größtenteils weder das Gespür noch die Cleverness, noch das notwendige immense Kapital in diesem Spiel wirklich mitzuspielen.

Die Autorinnen und Autoren sind gefragt!

Es ist abzusehen, dass sich in den kommenden Monaten die Auseinandersetzung um die Reform des Urheberrechts zuspitzen wird. Den Verlagen läuft jetzt die Zeit weg: Auch konservative Politiker*innen scheinen heute immer weniger geneigt, sich dem Vorwurf des digitalen Schleichgangs auszusetzen. Gleichzeitig beweist jeder Monat, den sich die Auseinandersetzung hinzieht, dass die Verlage eben doch nicht reihenweise über den Jordan gehen, schließlich werden sie ja auch jetzt für die Zweitnutzung vergütet.
Lösen können meines Erachtens nach den Konflikt langfristig nur die Autorinnen und Autoren aus Bildung und Forschung. Sie können im Prinzip nur gewinnen: Die eigenen Arbeiten zu fairen Bedingungen veröffentlichen, wissenschaftliche Ressourcen einfach recherchieren und nutzen und mit Hilfe der Prinzipien der Transparenz, Offenheit und des Teilens die Qualität sichern. Ändern die Autorinnen und Autoren ihre Praxis wissenschaftlichen Publizierens immer mehr in Richtung freien Zugangs und offener Lizenzen, werden sich auch die Verlage schneller nach neuen Geschäfstmodellen umsehen müssen.

Einblicke ins E-Learning an der UP: up2date

Der neue E-Learning-Newsletter der Universität Potsdam ist online

In dieser Ausgabe unter anderem mit einem Interview mit zwei Change-Managerinnen zum Zusammenschluss von Rechenzentrum und Medienzentrum zum ZIM, dem Zentrum für Informationstechnologie und Medienmanagemt, einen Bericht wie digitale Medien in der Studieneingangsphase in der WiSo-Fakultät berücksichtigt werden, Erfahrungen zur Online-Kooperation von Uppsala und Potsdam und einen Rückblick auf die Auseinandersetzung um den Unirahmenvertrag. Der E-Learning-Newsletter erscheint ca. zwei mal im Semester und wird gemeinsam von dem Bereich „Lehre und Medien“ im ZfQ, vom „Zentrum für Technologie und Medienmanagement“ und vom Projekt „E-Learning in Studienbereichen – eLis“ herausgegeben. Wer sich einen Einblick in die E-Learning-Welt an der Universität Potsdam verschaffen will, sollte sich die neue Ausgabe nicht entgehen lassen!

Gelesen: „Das Netz 2015/2016“ – Jahresrückblick Netzpolitik

Bild: iRights.Media

Im letzten Jahr bin ich das erste Mal auf die Publikationsreihe „Das Netz …“ von iRights gestossen und habe mich dieses Jahr schon auf das Erscheinen gefreut. Die ideale Lektüre im Jahreszwischenraum für alle die sich nicht permanent in Sachen Netzpolitik auf dem Laufenden halten können aber einen konzentrierten Überblick schätzen: Wie war das noch mal mit dem Leistungsschutzrecht, was war los im NSA-Ausschuss und welche Rolle spielen Datensammlungen für Flüchtlingsversorgung und das UNHCR? Die kurzen Kapitel helfen dabei das Gedächtnis aufzufrischen, Entwicklungen kennenlernen, die einem eventuell entgangen sind und dient nebenbei als Nachschlagwerk. Ganz Prima sind die monatlichen Zeitstrahlen „Was war los im Netz im [Monat X]“ mit wichtigen Ereignissen. Für schlanke 5 Euro ist das E-Book zu haben, es lässt sich aber auch online lesen. Gut finde ich auch das Konzept, dass wichtige Themen oftmals aus mehreren Perspektiven beleuchtet werden. Ein wenig überflüssig erscheint es dagegen, dass genauso oft Personen zu Wort kommen, die es eigentlich nicht nötig hätten ein weiteres Sprachrohr angeboten zu bekommen, wie Heiko Maas oder Till Renner. Das schmälert aber nicht den Gesamteindruck.

Blackbox Selbststudium: Aktivierende Hinweise für Lehrende

Im Blog „Impulswerkstatt Lehrqualität“ der Uni Freiburg wurden in den letzten Wochen in einer kleinen Reihe die Ergebnisse einer Interventionsstudie vorgestellt. Ziel der Studie, schreiben die AutorInnen Kristin Wäschle, Matthias Nückles und Siegfried Fink war es

http://blog.lehrentwicklung.uni-freiburg.de/2014/05/blackbox-selbststudium-selbstbeobachtung-des-eigenen-prokrastinationsverhaltens/„…leicht umsetzbare Interventionsmöglichkeiten abzuleiten und zu evaluieren. Dabei wurden sowohl Interventionen beleuchtet, die bei den Lernenden ansetzen als auch solche, die Veränderungen in der Lehre beinhalteten.“

Dabei setzten die AutorInnen da an, wo sie in der Vorläuferstudie Blackbox Selbststudium (2012) aufhörten: Bei der Annahme, dass Selbstwirksamkeit („die Überzeugung, den Aufgaben im Studium gewachsen zu sein“) durch Dozierende gezielt unterstützt werden kann. Die Interventionen sind unterschiedlicher Natur von der Vermittlung von Fähigkeiten, Lernziele zu formulieren bis zu grafischem Feedback anhand eines „Prokrastinations-Logs“. Die Artikelreihe enthält eine Reihe von differenzierten Einsichten und konkreten Anregungen zu Themen wie aktivierende Lehre in Großveranstaltungen, Setzen von Lehrzielen, Einsatz von regelmäßigen Tests und der Gestaltung von Tutorien die sich aus den Evaluationen dieser Maßnahmen ergeben haben.

Studie entzaubert E-Learning

„E-Learning“ ist ja bekanntermaßen kein besonders gut definierter Begriff. Wenn also eine Pressemitteilung mit der „Entzauberung“ desselben um Aufmerksamkeit wirbt, liegt die Frage nahe, um was es da eigentlich geht. In erster Linie geht es um eine Pressemeldung zur Ankündigung der Veröffentlichung einer Promotion von der Uni Rostock, die via idw-Newsfeed Verbreitung gefunden hat. Der Inhalt ist entsprechend pressemitteilungsmäßig knapp und komprimiert und besagt ungefähr folgendes: Frau Dr. des. Wigger hat eine Feldstudie zur „Wirksamkeit von Blended Learning in der Hochschule“ durchgeführt, was für sich genommen ein relevantes Vorhaben darstellt, auf dessen Ergebnisse man gespannt sein darf – wenn die Studie dann veröffentlicht ist, was für Ende des Jahres geplant ist. So lange wollte die Abteilung für Presse und Öffentlichkeitsarbeit der Uni Rostock aber nicht warten:

„Ihr [Frau Wiggers] ernüchterndes Fazit: ‚E-Learning-Studierende würden lieber Präsenzveranstaltungen besuchen und konventionell Studierende sind fachlich besser.‘ Die befragten Studentinnen und Studenten machen dafür das ungewohnte, vollständig eigenständige Arbeiten und den damit verbundenen Zeitaufwand verantwortlich. Sie schätzen die untersuchten Fächer als zu schwierig für das selbstständige Lernen ein. Insbesondere Studienanfänger fühlten sich durch das E-Learning überfordert.“

Ergebnis der Studie sei also, dass „E-Learning-Studierende“ überfordert und E-Learning daher ungeliebt sei. Damit wird jedoch natürlich eine ganz bestimmte Spielart des E-Learning beschrieben, bzw. nur ein ganz bestimmtes Setting, nämlich das mehr oder weniger vollständig online und asynchron stattfindende E-Learning, beispielsweise eines xMOOCs. Verwirrenderweise geht es laut Titel der Arbeit aber um „Blended Learning“ – also definitionsgemäß ein „gemischtes“ Setting, dass eben genau nicht nur auf Selbstorganisation und Selbststudium beruht, sondern mit anderen Formaten der Lehre durchsetzt ist. Einmal auf diesen impliziten Begriff des E-Learning reduziert machen auch die folgenden Sätze Sinn:

„Zwei Schlussfolgerungen liegen nahe:

  • Die Schule bereitet nicht hinreichend auf das eigenständige Arbeiten vor. Deshalb sollten die Hochschulen ihre Studierenden unterstützen und zumindest anfänglich gezielte Angebote zum Zeitmanagement und zu Lerntechniken machen.
  • E-Learning darf an Hochschulen nicht weiter nach dem Gießkannenprinzip gefördert werden. Es sollte eine Beschränkung auf Fächergruppen, für die E-Learning pädagogisch geeignet ist, und auf höhere Fachsemester erfolgen.“

Da regt sich Widerspruch bei mir, denn

  • erstens lösen „Zeitmanagement und Lerntechniken“ in der Regel nicht das Problem der Studierenden mit der Selbstorganisation, da wären auch andere Ansätze in der Lehre und Lehrorganisation selber notwendig (vgl.  die Zeitlast-Studie von Schulmeiser et al.)
  • zweitens würde eine „Beschränkung“ auf Fächergruppen oder Semesterstufen das Problem auch nicht angehen sondern einfach Teile der Studierenden von der geforderten Selbstorganisation „entlasten“ – die Möglichkeit E-Learning angemessen zu gestalten, wird ausgeblendet.

Das Problem ist, dass diese Pressemitteilung genau das unterstützt, was sie kritisiert: Sie prolongiert einen einseitigen, engen, den Bedarfen von Studierenden nicht entsprechenden Begriff von „E-Learning“ und stellt dann fest, dass dieser nicht zum Nutzen des Studiums ist. Wesentlich differenzierter klingt es, wenn die Autorin selbst zu Wort kommt:

„Meine Untersuchung versteht sich als Problemindikator. Die aufgezeigten Schwierigkeiten müssen nicht zwingend in jedem als E-Learning angebotenen Studiengangsmodul auftreten, da die Disziplinen sehr unterschiedlich sind“, macht Christina Wigger deutlich. Eines aber steht fest: „E-Learning kann die konventionelle Lehre nicht ersetzen, nur fachspezifisch in ausgewählten Modulen ergänzen und vertiefen.“

Das kann man – vielleicht mit Abstrichen – unterschreiben, neu ist es aber nicht und Zauberei auch nicht.

LiquidFeedback-Entwickler distanzieren sich vom Einsatz ihrer Software in der Piratenpartei

Während die Piratenpartei dieser Tage nach programmatischer Erneuerung sucht, sollte der Post aus dem LiquidFeedback-Blog aus dem September 2012 nicht der Vergessenheit anheimfallen. Aus meiner Sicht eine hübsche Fallstudie dafür, dass der Zusammenhang zwischen einer, in diesem Fall politischen, Intention und angemessener Software-Umsetzung nicht trivial ist und sich in technisch eigensinnige Strukturen konkretisieren, die nicht beliebig anpassbar sind.

Problem ist, dass LiquidFeedback darauf insisitert, dass eine demokratische, d.h. transparente und nachvollziehbare Willensbildung nicht mit dem (ebenso demokratischem) Prinzip der geheimen Wahl vereinbar ist, wenn ihre Plattform genutzt wird. Knackpunkt ist die für den einzelnen Nutzer Nicht-Nachvollziehbarkeit der Vorgänge im Internet:

„Denn das Internet kann durch die Teilnehmer (im Gegensatz zu einer echten Wahlurne) nicht hinreichend auf korrekte Funktionsweise geprüft werden. Für demokratische Prozesse gilt deshalb:

  • Entweder keine geheime, pseudonyme oder anonyme Stimmabgabe
  • oder keine Überprüfbarkeit durch die Teilnehmer
  • oder Verzicht auf das Internet und Verwendung einer herkömmlichen Wahlurne“

Die Praxis verschiedener Gliederungen der Piratenpartei nutzt aber genau die ausgeschlossene Möglichkeit geheim und via Internet Abstimmungen durchzuführen. Daher die Schlussfolgerung

„Wir wollen aber nicht für die gesellschaftliche Etablierung von scheinbar demokratischen Verfahren stehen oder verantwortlich sein, die durch die Teilnehmer selber nicht überprüft werden können.“

Die Schlussfolgerung ist, dass das Internet per se keine demokratische oder demokratisierende Technologie darstellt. Eine Position, die z.B. Evgeny Morozov angesichts der westlichen Lesarten der arabischen und asiatischen Twitter-Revolutionen und Facebook-Bewegungen ausführlich begründet hat. 

E-Learning in der Normalität?

Anmerkungen zu einer bekannten Schlagzeile

Ich habe inzwischen das Gefühl, auch diese Nachricht habe ich schon mehr als einmal gelesen.
Die Meldung des „Standards“ hatte es diesmal zuerst auf meinen Feedreader geschafft: Unter dem Titel „E-Learning wird zum Alltag“ werden wir aufgeklärt:

Grafik Autobahnschild„Das E-Learning verliert das E und wird ein Alltagsfeature“, ist Erwin Bratengeyer, Leiter des E-Learning Centers an der Donau-Universität Krems überzeugt.“

Ich weiß nicht was der geschätzte Erwin Bratengeyer wirklich gesagt hat, die Botschaft erkenne ich wohl, allein: ‚Learning mit verlorenem E, dass zum Feature des Alltags wird‘ erscheint mir genau die Art von Worthülse, die so sehr nach krampfigem Modernismus klingt, das dies gerade nicht Normalität demonstriert, sondern den Wunsch danach. Aber selbst Bundeskanzlerin Merkel  kennt inzwischen das Wort „E-Learning“, wie Heise.de, tapfer gegen den Duden anschreibend, vermeldete:

„Industrie 4.0, intelligente Netze, Breitband und die Unterstützung in MINT-Fächern durch e-Learning spielen in der künftigen IT-Strategie der Bundesregierung eine wichtige Rolle.“

Schön auch hier die Einschränkung: E-Learning wird keineswegs als Normalität sondern zur „Unterstützung in MINT-Fächern“ erwogen.

 

„Optimale Lernatmosphäre“ – noch nicht normal

Wenn man weiterhin – mehr regionalwirtschaftlich – den Bericht vom Webmontag Berlin (Thema „E-Learning“) parallel zurate zieht, dann wird aus der (zumindest der Berliner) E-Learning-Start-Up-Szene  auch keine „Normalität“ gemeldet,
sondern Handlungsbedarf zur Verbesserung der Bildung (endlich!). Das liest sich so:

Learning should be fun ist das Motto. […] Die Speaker gewährten interessante Visionen auf eine neue Form des Lernens, die vielen traditionell noch als trocken und unpersönlich bekannt ist. Wichtige Erkenntnisse zu einer optimalen Lernatmosphäre finden dabei Berücksichtigung. Man darf also gespannt sein …“

Die Passage gibt einerseits einen realistischen Einblick in die üblichen Verwirrungen zwischen „Lernen“  und „Lehren“ (hier: ‚trocken und unpersönlich‘) und andererseits ein Zeugnis der Überschätzung der Rolle der E-Larning-Akteure (hier: die Herstellung einer  ‚optimalen Lernatmosphäre unter Berücksichtigung wichtiger Erkenntnisse‘). Eigentlich klingen diese Visionen in meinen Ohren aber irgendwie gewohnt-altbacken-modern-immergleich. Wenigsten in dieser Hinsicht scheint alles normal.

 

Brot und Butter

Mehr zur Frage „Was ist Normalität beim E-Learning?“ verraten da schon die die Begründungen für die Preistvergabe des „E-Teaching-Awards 2012“ sowie des „Athene-Preises für Gute Lehre 2012“ der Technischen Universität Darmstadt (in Auszügen):

  • „Dipl.-Psych. Henrik Bellhäuser [da das] wissenschaftlich hervorragend fundierte und auf andere Fachbereiche übertragbares E-Learning-Trainingsprogramm […] wirksam die Selbstregulationskompetenz. [fördert] […]
  • Dr. Guido Rößling [für den] intensiven Einsatz von E-Learning in der Lehre und sein umfassendes und kontinuierlich um Selbstlernelemente erweitertes E-Teaching-Angebot. […]
  • Prof. Dr. Alexander Benlian [mit dem] auf Interaktivität ausgerichteten Blended-Learning-Szenarios, bei dem verschiedene Web 2.0-gestützte E-Learning-Werkzeuge eingesetzt werden […].“

Ich zitiere das, weil diese Begründungen m.E. ein authentisches Bild des normalen E-Learnings (an den deutschen Hochschulen) zeichnet:

  • Die Praxis des E-Learning ist „not-too-fancy“ – es geht (natürlich auch im Kontenxt dieses Preises) um Lehre im engeren Sinn, um das Brot-und-Butter-Geschäft der Lehrenden und der E-Learning-Szenarien in den Hochschulen. Normalität in diesem Sinn ist vor allem die Verlängerung bekannter didaktischer Praxis ins Netz.
  • Es geht immer auch um die gelingende Verbindung von Didaktik und Technik in der Praxis: „Selbstregulation“, „Selbstlernen“ und „Interaktivität“ sind keine technischen Kategorien. JedeR einzelne der PreisträgerInnen hat für sich diese zwei Dimensionen zu einer offenbar gangbaren Praxis vermittelt. Normalität in diesem Sinn ist immer auch ein kreativer Akt der Synthese von Technik, Fachdidaktik, Methdodik und Pädagogik.

Normalität zeigt sich nicht in Überschriften und Schlagzeilen sondern in deren Ausbleiben. PC ist wichtigstes Arbeitsmittel in der Universität wäre wohl keine Meldung wert. Deutlich ist daher, dass sich in solchen Schlagzeilen eher der Wunsch nach Normalität artikuliert, als der behauptete Ist-Zustand. Wenn die Beobachtung von John Naughton „Disruption for the net, is not a bug but a feature“ zutrifft, dann wird sich eine neue Normalität auch im E-Learning dadurch kennzeichnen lassen, dass es sich von Zeit zu Zeit sprunghaft verändert. Wenn allerdings Normalität mit Ubiquität gleichgesetzt wird, dann deutet sich durch die Herausbildung des permanent und überall verfügbaren Internet und der massenhaften Verbreitung der entsprechenden Endgeräte eine neue Qualität der Digitalisierung und Vernetzung auch im Bildungskontext an, der sich um dass Schlagwort Mobile Learning gruppiert (zur Sprachverwirrung siehe oben…)

Evaluation einer E-Portfolio Veranstaltung (Seminarblog Web 2.0 und Gesellschaft)


Mit viel Verspätung möchte ich noch auf einen Beitrag im Seminar-Blog „Web 2.0 und die Gesellschaft“ von Ilona Buchem eingehen, weil hier Ergebnisse der Abschlussreflexion aus einem Nutzungszenario von E-Portfolios in der Hochschullehre (im vergangenen Wintersemester 2011/2012) veröffentlicht sind – und dass findet leider nicht sehr oft statt. Ilona Buchem macht drei Kategorien auf: Die (negative) Soll-, die (positive) Haben-Seite sowie die Ambivalenzen. Die Darstellung ist knapp, daher möchte ich sie nicht weiter zusammenzufassen, würde mir aber erlauben, meine Quintessenzen zu ziehen:

  • Die praktische Arbeit mit dem Portfolio, die Praxisnähe und Multiperspektivität der Inhalte sowie die neuen Möglichkeiten der Leistungsdarstellung wurden von den Studierenden positiv eingeschätzt. Man kann dies interpretieren als die Ausweitung von Spielräumen. Diese müssen freilich auch genutzt werden – dies scheint aber auch der Fall gewesen zu sein, wie sich auch an den sehr individuell gestalteten  Beispielportfolios im Artikel zeigt. Es steckt vermutlich auch ein gutes Stück Lust am Neuen und am Ausprobieren hinter dem offensichtlichen Motivation, die sich in diesen Portfolios äußert. Wichtig scheint aber zu sein, diese Spielräume beim Einsatz von E-Portfolios gezielt aufzusuchen.
  • Nicht so gut angekommen bei den Studierenden sind anscheinend die Vorgaben hinsichtlich der Themen, Umfang und Struktur der Portfolio-Artikel (die übrigens als WordPress-Blogs umgesetzt wurden). Eine ähnliche Erfahrung habe ich gemacht, als wir im letztem Jahr einem Seminar mit einem Wiki arbeiteten und die Studierenden die Aufgabe hatten, zu einem Thema aus einem Themenpool einen Artikel zu verfassen. Die Form eines wohlstukturierten Wiki-Artikels engt den Spielraum der Studierenden einfach stark ein. Die „kleine Form“ der Wiki-Artikel, Blog-Beiträgen und Lerntagebuch ist ebenfalls nicht einfach zu erschließen. Ein zweiter Minus-Punkt in den Augen der Studierenden ist die Register-Mania für die Nutzung der diversen Web 2.0 Tools, die im Seminar genutzt wurden.

Ebenfalls spannend sind die  „Ambivalenzen“, die festgehalten wurden: Die Debatte um Verbindlichkeit (Anwesenheitspflicht) erinnert mich an die Untersuchung von Neus Capdeferro und Margarida Romero, die feststellten, dass die mangelnde Verbindlichkeit ein wichtiger Grund für entstehenden Frust von TeilneherInnen in kooperativen Szenarien ist.
Aus dieser Interpretation würde ich drei tentative Sclussfolgerungen für Portfolioarbeit ziehen:

  • Das neue Medienformat zu erproben und zu gestalten hat einen gewissen Reiz für Studierende.
  • Die Kombination mit multiperspektivischen, praxisnahen Inhalten ist ebenfalls attraktiv (und kann gut mit der damit verbundenen „Medienkultur“ verknüpft werden).
  • Die inhaltiche Anforderung des „kleinen Textformats“ könnte um weitere mögliche Formate erweitert werden.

Die teils negative Bewertung der Arbeit mit den verschiedenen Web 2.0-Tools und Werkzeugen ist ein weiterer spannender Punkt aus der Evaluation. Welche Schlussfolgerungen daraus gezogen werden könnten, ist mir zur Zeit auch nicht klar. Ich vermute aber, dass diese ambivalenten Statements etwas mit der Art und Weise zu tun haben, wie sich die Studierenden insgesamt in der digitalen Welt bewegen und welches Verhältnis sie dazu haben. Stark vereinfacht kann ich mir hier ein entschärfte Form des Digital Divide als Ursache vorstellen und damit verbunden, dass die Beschäftigung mit (bestimmten Arten und Nutzungsweisen von) digitalen Medien entweder als Pflicht oder Erweiterng der eigenen Handlungsmöglichkeiten empfunden wird.