Kann man sich der Cloud anvertrauen?

Graham Attwell berichtet in seinem Blog von den Unwägbarkeiten, die einen beim Arbeiten in der Cloud ereilen können, E-Mails weg, Dokumente nicht mehr erreichbar, weil Google nicht in der Lage ist, mehrere Accountzugänge sauber zu managen – das private Backup hat dafür gesorgt, dass es für ihn nicht zum digitalen GAU wurde.

„OK – I gave in and setup the account again. Fortunately my amails were on another account. I lost my feed reader but it needed pruneing anyway. I lost access to about 200 documents although once more only about eight or ten were in current use and I had backups of the rest. Oh – and I lost access to 500 or so followers on Google plus. None of this too much of a tragedy. But it has made me think again about the cloud. If Google can screw up accounts then so can anyone else. And so whilst Cloud services can be very useful, i think I want to keep backups of my data on my computer for the moment.“

Für mich ist das ein weitere Hinweis darauf, einem allzu sorglosem Umgang mit „Umsonst-Diensten“ für Bildungszwecke zu bedenken. Techniken sind evtl. nicht ausgereift und einen wirklichen Support kann man nicht erwarten. Die Cloud scheint mir vorerst nur der Mobilität und Kooperation dienlich, ersetzt aber noch keine eigene Datenhaltungsanstrengungen. Von daher wäre es die konsequente Forderung, dass sich Hochschulen und Bildungseinrichtungen ein Herz und die notwendigen Ressourcen fassen und Social-Software-Dienste in Eigenregie anbieten, so wie dies schon mit der Etherpad-Software an der TU Graz geschieht und wie es z.B. die TH Wildau in Brandenburg anbietet.

Die Strategie strategisch denken…

Letzte Woche hatten wir „Strategie-Tag“ mit den Mitarbeiter(inne)n der AG eLEARNiNG. Schön, mal einen ganzen Tag Zeit zu haben, an der Weiterentwicklung der eignen Programmatik zu werkeln. Das ganze hatte die Form einer Zukunftswerkstatt und es kamen eine Reihe Ideen und Gedanken zusammen, die uns mit Sicherheit helfen werden, in der zukünftigen Strategiedebatte zum E-Learning an der Uni Potsdam einen Beitrag zu leisten. Aber es wurde mir auch klar, in wievielen Spannungsfeldern wir stehen, die sich zunächst nicht in eindeutige Handlungsempfehlungen oder Positionen zusammenfassen lassen, z.B.

  • E-Learning an einer Hochschule braucht ein gut erkennbares „Gesicht“ und eine, für die Ratsuchenden schnell erkennbare Struktur versus E-Learning ist heute von Vielfalt und Interdisziplinarität geprägt und lässt sich vermutlich nur schwer in „eindeutigen“ Strukturen abbilden. Vieles Spannendes kommt eher vom „Rand“ der Community.
  • E-Learning sollte in den Uni-Strukturen als „Regelaufgabe“ verankert sein – einschließich der notwendigen Grundfinanzierungn und klar geregelter Kompetenzen versus die zuständigen Stellen und Verantwortlichkeiten brauchen einen dynamischen Charakter, der Schwerpunkt der Entwicklung kann phasenweise in der Didaktik, Informatik oder Medienproduktion liegen und die Strukturen müssen offen für Veränderungen bleiben.
  • Schwerpunkt der Entwicklung soll die mediendidaktische Weiterentwicklung und Qualitätsentwicklung im E-Learning sein versus Online-Dienste sollten weiter ausgebaut werden und die technische Entwicklung hin zu wirklich nutzerfreundlichen Diensten muss vorangetrieben werden.

Vermutlich gehören diese Spannungsfelder zum kleinen Einmaleins der strategischen Probleme von Serviceeinrichtungen an Hochschulen, die den erfahrenen Leser(inn)en höchstens ein Schmunzeln entlocken. Mir ist jedenfalls nochmal klar geworden, dass es nicht ausreicht, die strategischen Entwicklungslinien zu erkennen und zu benennen. Es gilt, aus den möglichen Entwicklungslinien richtige Auswahl zu treffen und dabei die konkreten Randbedingungen zu berücksichtigen: Die Strategieentwicklung im E-Learning muss strategisch vor dem Hintergrund der Hochschulstrategie gedacht werden.

„E-Portfolio Didaktik“ by Ilona Buchem

In diesem Vortrag hat Ilona Buchem vom Projekt mediencommunity 2.0 auf dem letzten Neztwerktreffen der E-Portfolio-Initiative Berlin-Brandenburg ihre Lehrveranstaltung zum Thema „Web 2.0 und Gesellschaft“ vorgestellt. Ich habe einen der Organisation geschuldeten knappen, erfahrungsgesättigter Überblick zur Durchführung einer Lehrveranstaltungen mit Hilfe von E-Portfolios über, mit und im Web 2.0 bekommen. Die Vortragsfolien geben leider nur den strukturellen Teil wieder, der aber den ein oder die andere PraktikerIn interessieren könnte, daher hier:

„Im Web ist nichts umsonst“ – Anmerkungen zu Web 2.0, Bildung und Medienkompetenz

Aktueller Anlass für dieses Post ist die kurze, engagierte Diskussion unter Hochschullehrenden auf dem Workshop der Hochschule für Telekommunikation Leizpig (HfTL) Ende September, die ich miterleben dürfte. Dort stand (wie des öfteren in den letzten Jahren) die Frage im Raum, wie sich die Netzwerke und Kommunikationszusammenhänge, die in Social-Software (SoSo)-Portalen (also: „Facebook“) für die Unterstützung von Lehr- und Lernprozesse nutzen lassen könnten.
Die Diskussion bildete das Spannungsfeld ab, in die sich ähnlich gelagerte Diskussionen zumeist bewegen: Am einen Pol die Haltung, sich der Dienste und Prozesse, die das Web 2.0 bietet, anzunehmen und deren Potential für bildungsbezogene Zusammenhänge zu nutzen. Am anderen Pol die Position, dass den „Kraken“ Google, Facebook & Co mit dem gebührenden Mißtrauen begegnet werden müsse und darauf verweisend, dass es nicht angehe, die Nutzung kommerziell und juristisch diffuser Geschäftmodelle zu unterstützen. Am Ende der Diskussion stand die Aussage „Im Netz ist nichts umsonst“ im Raum. Mich hat diese Diskussion beeindruckt, weil sowohl Offenheit für das Neue wie Kritikfähigkeit desselben spürbar waren. Für mich war die Diskussion auch Anlass, meine Positionen und offenen Fragen zum Thema „Web 2.0 / Social Software in der Hochschule“ zu sortieren. Das sieht dann

(vorläufig) so aus:

  • Es sollte in Begriffsbestimmung und Wortwahl zwischen „Web 2.0“ und „Social Software“ unterschieden werden. Mit „Web 2.0“ würde ich die heutige Netzkultur bezeichnen und in diesen Begriff alle kreativen, produktiven, kommerziellen, pädagogischen, ideologischen und sonstigen Bedeutungszusammenhänge mit aufnehmen, die zur Beschreibung einer lebendigen, zeitgenössischen Medienkultur beitragen können. „Social Software“ ist hingegen am besten als medientechnologisches System zu beschreiben – in gewissem Sinne also schlicht „die Software“ (die als Artefakt gesellschaftlicher Arbeit allerdings auch nicht im Sinne einer neutralen „Technik“ verstanden werden kann). SoSo zu nutzen ist nicht das gleiche, wie „das Web 2.0“ zu nutzen – und sollte daher auch nicht durcheinandergebracht werden. Die Begriffsverwirrung droht sich zu verschärfen, da lt. Wikipedia der Begriff „Web 2.0“ allmählich durch den Begriff „Social Media“ ersetzt werde.
  • An die Anwendung des Web 2.0  im Bildungsbereich wird vielfach die Diskussion um das „informelle Lernen“ geknüpft. Die Argumentation verläuft dann, so wie ich sie wahrnehme, entlang folgender Kette: A) Die Menschen lernen kontinuierlich informell mit und im Web. B) Das formelle Lernen (z.B. in der Hochschule) steht vor großen Herausforderungen für die neue Lösungen gesucht werden müssen. Also C) sollten wir die informellen Lernprozesse für das formelle Lernen erschließen. Dieser Argumentation konnte ich noch nie ganz folgen: Wenn informelle Lernprozesse in formale Kontexte eingebunden werden, dann werden sie formalisiert – sind ergo keine informellen Lernprozesse mehr. Und dass merken auch die adressierten „Lernenden“ – sie ziehen sich nämlich aus den formalisierten, ehemals informellen Kontexten zurück. Kurz gesagt: Das informelle Lernen ist das Lernen, dass wir nicht formalisieren können – mit und ohne Web 2.0.
  • Um das Web 2.0 als Phänomen zu fassen den Einfluss und Einsatz in Bildungszusammenhängen richtig bewerten zu können, sollte der Blick „über den Tellerrand“ gerichtet werden. Es müssten also die technopolitischen, medienkulturellen und ökonomischen Zusammenhänge stärker in den Blick geonmmen werden. Insbesondere die ökonomische Seite des Web 2.0 scheint mir mehr wenig berücksichtigt. Es gibt auch überraschend wenig im Netz zu diesem Thema und das Vorhandene beschreibt das Phänomen in der Regel aus betriebswirtschaftlichen Perspektiven (z.B. „Enterprise 2.0“, Web-Marketing) . Mir scheint der Kernsatz der Ökonomie des Web 2.0, dass die Nutzer nicht die „Kunden“ sind, sondern dass sie das Produkt bzw. die Grundlage der Unternehmenswerte darstellen. „Viele Nutzer – hoher Unternehmenswert“. Was dies für Bildungs- und Kommunikationsprozesse bedeutet, die sich in dieser Sphäre abspielen, ist mir zumindest noch wenig deutlich. „Im Netz ist nichts umsonst“ – aber in welcher Form werden hier Werte übertragen, kumuliert und kapitalisiert? Und was bedeutet das für die „Netzkultur“?
  • „Im Netz ist nichts umsonst“ – wirklich nicht? Einerseits ist Web 2.0 augenscheinlich vor allem „Business“ und ich bin sehr dafür, diese Ökonomie eingehender und mit dem Blick der Pädagog(inn)en zu erfassen und zu bewerten. Andererseits bietet die Ökonomie des Netzes aber offensichtlich auch neue Möglichkeiten der Produktion und Distribution von Werten jenseits kommerzieller Interessen. „Open Content“ und „Open Educational Ressources“ sind hier vielleicht die besten Beispiele und Ansatzpunkte einer neuen ökonomischen Denkart.

Es gibt viele gute Argumente dafür sich der Social Software offen und gestaltend zu nähern, sie in Lehr-/Lern-Szenarien einzubinden und mit den gemachten Erfahrungen und Erkenntnissen weiter am Projekt „E-Learning“ zu arbeiten. Darüber hinaus kenne ich auch niemanden, der oder die als Anhänger(in) einer technozentristischen, unkritischen Haltung gegenüber Web 2.0 – Technologien und deren Einsatz in der Hochschule bezeichnet werden könnte. Ich meine aber auch, dass viele Diskussionen anzeigen, dass Medienkompetenz im „klassischen“ (Baacke’schen) Sinne, nämlich als Vierklang aus Medienkunde, Mediennutzung, Medienkritik und Mediengestaltung in der Auseinandersetzung mit dem Web 2.0 eine größere Rolle spielen sollten. Dabei scheinen mir gerade Medienkunde (nämlich z.B. das Wissen um die wirtschaftlichen Zusammenhänge von Web 2.0-Diensten) und Medienkritik (nämlich die krische Einordnung und in-Beziehung-setzten dieser Zusammenhänge mit einem – unserem – Bildungsbegriff) diejenigen Dimensionen die wir stärker berücksichtigen müssten.