Der Digitalpakt wird (wahrscheinlich) kommen und scheitern – in den Ländern

Die Länder scheinen sich beim Digitalpakt durchzusetzen – der Digitalisierung der Bildung wird es aber wahrscheinlich nichts nutzen.

Die Meldungen der letzten Tage in Sachen Digitalpakt klingen mal optimistisch „…zuversichtlich, dass das Geld schnell an die Schulen kommt…“, mal weniger optimistisch „Lösungen erkennbar“ aber auch nach anhaltenden machtpolitischen Poker „Vereinbart ist noch gar nichts“. Der dahinter stehende Vorgang ist, dass aus der Arbeitsgruppe des Vermittlungsausschuss zum Digitalpakt ein Papier lanciert wurde, das laut Süddeutscher einen Arbeitsstand darstellt. Demnach sieht der Kompromiss ungefähr so aus:

  • Der Zwang zu einer 50% Kofinanzierung der Länder für zukünftige Gelder aus dem Bund scheint erst mal vom Tisch. Das war allerdings für die Gelder aus dem Digitalpakt auch gar nicht geplant, dort sollten die Länder 10% zuschiessen. Allerdings hatte der Bund versucht, diese Regelung anlässlich des Digitalpakts mit durchzudrücken.
  • Es wird wohl keine direkten Zuschüsse des Bundes in die mit den Investionen „verbundenen unmittelbaren Kosten der Länder und Gemeinden“ geben. Hier waren ja die Länder richtig sauer geworden, geht es doch dabei auch um Personal, also zum Beispiel Lehrer*innen. Das müssten die Länder aber weiter finanzieren, wenn die Förderung wegfällt. Das Kompromisspapier soll jetzt vorsehen, dass der Bund „besondere“ Ausgaben finanzieren kann. Warum „besondere“ Ausgaben, z.B. für Systemadministrator*innen aber keine langfristige Ausgabe sein soll, erschließt sich nicht.
  • Im Moment scheint noch einer der Knackpunkte die Qualitätsicherung und Kontrolle der Länder durch den Bund zu sein. Und hier – wenig Thema in der öffentlichen Berichterstattung – wollen die Länder den Erfolgszwang des Bundes in Sachen Digitalpakt nutzen, um die existierenden Kontrollmechanismen des Bundes außer Kraft zu setzen.

Zusammenfassend könnte man es so sehen: Die Eigenbeteiligung der Länder wird Gegenstand von Einzelverhandlungen, sie bekommen Geld für zustätzliches Personal ohne selbst Verpflichtungen einzugehen und die Verwendung der Gelder kann der Bund weder steuern noch kontrollieren?

Ich bin pessimistisch, dass damit der Digitalpakt in „trockenen Tüchern“ ist. Alles deutet vielmehr darauf hin, dass nach einer Einigung das Chaos erst richtig beginnt. Und zwar gerade weil die Länder sich so stark machen konnten.

Der Förderalismus hat der Bildungspolitik (und der Digitalisierung) bisher nicht genutzt

In Sachen Bildungspolitik stehen die Länder nicht eben gut da: Die Inklusion als Reformprojekt hat mit selbstverschuldetem Akzeptanzverlust zu kämpfen, ein massiver Lehrermangel entsteht scheinbar über Nacht und überfordert plötzlich alle Akteure auf einmal und wer den Digitalisierungsbedarf der Schule anmahnt, bekommt von glaubwürdigen Betroffenen erklärt, dass eine Bildungsverwaltung die jahrzehntelang zusieht, wie Gebäude, Ausstattung und Infrastrukturen auf den Hund kommen, ihre Glaubwürdigkeit für die „Gestaltung von Zukunft“ verspielt hat. Denn wenn es um die Frage geht, wo Geld gespart werden soll sind sich Bund und Länder in der Regel wieder einig: Gesundheit, Bildung und Infrastruktur stehen ganz oben auf der Spar-Liste. So ensteht der Eindruck, die Verteidigung des Förderalismus dient nicht der Sache, sondern es geht darum, die Eigenständigkeit um der Eigenständigkeit willen zu erhalten. Es hätte in den letzten Jahren viele Handlungsoptionen für Bildungsministerien und Kommunen gegeben, die „drohende“ Digitalisierung vernünftig zu begegnen – und zwar mit wenig Geld. Wenn jetzt also bald Anträge gestellt, Maßnahmenpläne entworfen und Projekte angeschoben werden müssen, wird sich zeigen, dass kaum jemand darauf vorbereitet ist, die erklecklichen Ressourcen sinnvoll und nachhaltig zu verwenden.

Mit dem bisherigen Organisationsmodellen der Bildungsverwaltung ist Digitalisierung nicht zu machen

Das die Länder in Sachen Digitalisierung der Bildung in den letzten Jahren wenig aktiv waren wird sich rächen, wenn das Geld jetzt kommt. Eines der Grundprobleme ist meiner Meinung nach, dass „Digitalisierung der Bildung“ nicht nur ein Bündel neuer Kompetenzen und Expertise erfordert, die in den letzten Jahren nicht systematisch aufgebaut wurden, sondern dass die ganze Struktur der Bildungs- und Schulverwaltung, von der Lehrerausbildung bis zum Gebäudemanagement in weitgehend analogen Strukturen arbeitet. Damit meine ich nicht die professionelle Verwendung von digitalen Medien und Werkzeugen, sondern vor allem die behördliche Steuerungs- und Umsetzungmodelle, die noch weitgehend auf preussischen Vorbildern beruhen. Verwaltung und Öffentlicher Dienst beruhen auf Modellen, die im Grunde eine Fortsetzung militärischer Organisation für die staatliche Verwaltung darstellt. Befehl und Gehorsam, Plan und Ausführung, Aufteilung in kleine Funktionseinheiten sind hier die Leitbilder. Damit ist Digitalisierung nicht zu machen, damit können keine komplexen, dynamischen Prozesse bewältigt werden. Wenn man einen Blick auf die Präsentationen wirft, die auf der Schulträgertagung 2018 in Schleswig-Holstein gezeigt wurden, bekommt man eine Ahnung davon, was ich meine.

Zehn Vorschläge für sinnvolle Maßnahmen zur Digitalisierung der Bildung in den Schulen

Sinnvolle Maßnahmen für die Digitalisierung der Bildung müssen keine Millionen kosten. Sie sollten auf eine breite Akzeptanz bei allen Beteiligten treffen, sie sollten als Katalysatoren für komplexe Veränderungsprozesse wirken und sie sollten greifbare Ergebnisse zeitigen. Meine Favoriten sind:

  1. Ein konsequenter Breitband- und WLAN-Ausbau, vorzugshalber in kommunaler Hand.
  2. Eine E-Mail-Adresse für alle Lehrer*innen bei Einstellung (vgl. Studierende)
  3. Den Europäischen Computerführerschein für alle Beschäftigten, Schülerinnen, Auszubildenden und Studierenden in den nächsten 5 Jahren.
  4. One Laptop per Teacher
  5. One Laptop per Student
  6. Durchgängige Prinzipien der Offenheit bei Inhalten und Software: Open Science, Open Education, Open Access, Open Source
  7. One Domain of One’s Own (DoOO) für alle Auszubildenden und Studienanfänger(innen)
  8. Bildungstechnologie als öffentliche Aufgabe entwickeln.
  9. Starkes Weiterbildungssystem für Lehrende
  10. Vier K-Kompetenzen in der Bildung fördern: Kommunikation, Kreativität, kritisches Denken und Kollaboration.

Jahrestagung 2019: „Teilhabe an Bildung und Wissenschaft.“ Beitragseinreichung ab sofort möglich.

Reminder: Für der Tagung ist die Einreichung von Workshops und Tutorials bis 17.02.2019 möglich, die Einreichung aller anderen Beitragsformate bis 17.03.2019

Von 16. bis 19.09.2019 findet die gemeinsame Tagung der Gesellschaft für Medien in den Wissenschaften e.V. und der Fachgruppe E-Learning der Gesellschaft für Informatik e.V. in Berlin statt. Die Tagung steht im Jahr 2019 unter dem Tagungsmotto „Teilhabe an Bildung und Wissenschaft“. Diese umfasst den Abbau von Zugangshürden, die partizipative Entwicklung von Inhalten oder die Förderung aktiver Teilnahme durch adaptive und personalisierbare Medien. In der Tagung soll der Blick gleichzeitig auf Bildung und Wissenschaft gerichtet werden: hier ermöglichen Medien und Technologien neue Formen von Kollaboration, Integration, Wissenschaftskommunikation sowie neue Verbindungen von Forschung, Lehre und Publikation.

Forschende aus allen Fachdisziplinen sind aufgerufen, Ihre Beiträge und Ergebnisse einzureichen und dem Fachpublikum zur Diskussion vorzustellen.
Die Einreichung von Beiträgen ist ab sofort möglich: http://delfi2019.de/submission/

Beiträge für Workshops oder Tutorials können noch bis zum 17.02.2019 eingereicht werden. Einreichung von Langbeiträgen, Kurzbeiträgen, Positionspapieren, Praxisbeiträgen und Beiträgen für das Doktorandenkolloquium können noch bis 17.03.2019 eingereicht werden.

Wir freuen uns auf Ihre Einreichungen!

Weitere Informationen:

http://gmw2019.de

In den Ländern werden Lehrer*innen für die digitale Bildung weitergebildet? Echt?

„In den Ländern bereite man sich bereits auf die weitere Digitalisierung der Schulen vor – etwa durch Lehrerfortbildung, so die Ministerin.“ – wo passiert da was? Aus Brandenburg habe ich so was noch nicht gehört, die sind hier erst mal damit beschäftigt überhaupt mehr Lehrer*innen ausbilden zu können…

www.news4teachers.de/2019/01/digitalpakt-im-vermittlungsausschuss-soeder-glaubt-nicht-an-eine-schnelle-einigung/

„Digitalpakt“ egal wie – aber was eigentlich?

Wenn ich das richtig verstehe wird ab gestern heute abend verhandelt? Und wenn ich das weiterhin richtig verstanden habe, dann geht es den Verhandler*innen vor allem um die Causa „Grundgesetzänderung“? – Schön! – aber: Wofür die Digitalpakt-Gelder denn dann ausgegeben werden sollen scheint in einer Verwaltungsvereinbarung zu stehen. Kennen wir die?

„Dem Vernehmen nach wollen sie einen einmaligen, auf fünf Milliarden Euro begrenzten Transfer von Steuermitteln über die Umsatzsteuer zugunsten der Länder, und im Gegenzug gehen die Kultusministerien eine Berichtspflicht gegenüber dem Bund ein. Sie sollen nachweisen, dass sie die Gelder auch entlang der ausgehandelten Digitalpakt-Ziele einsetzen. Diese Ziele hatten Kultusministerien und Bundesbildungsministerium im November in eine – allerdings nicht mehr formell unterzeichnete Verwaltungsvereinbarung gegossen.

www.jmwiarda.de/2019/01/30/ab-top-4-wird-es-ernst/

„Teilhabe an Bildung und Wissenschaft“ – Call for Papers für die Jahrestagung GMW 2019

„Teilhabe“ als Anspruch und als Praxis von Bildung. Gemeinsame Jahrestagung von GMW und DelFi 2019 in Berlin

Vom 16. bis 19. September 2019 findet in Berlin die 27. Jahrestagung der Gesellschaft für Medien in der Wissenschaft e.V. (GMW2019) zusammen mit der 17. Jahrestagung der Fachgruppe E-Learning der Gesellschaft für Informatik e.V. (DeLFI 2019) statt. Das Thema der diesjährigen Tagung ist „Teilhabe“ – durchaus in einem umfassenden Sinn gemeint.
Aus dem Call:
„Teilhabe als Anspruch und als Praxis von Bildung und Wissenschaft bekommt […] eine neue, erweiterte Bedeutung. Diese umfasst den Abbau von Zugangshürden, die partizipative Entwicklung von Inhalten oder die Förderung aktiver Teilnahme durch adaptive und personalisierbare Medien. In der Tagung soll der Blick gleichzeitig auf Bildung und Wissenschaft gerichtet werden: hier ermöglichen Medien und Technologien neue Formen von Kollaboration, Integration, Wissenschaftskommunikation sowie neue Verbindungen von Forschung, Lehre und Publikation.“

Die Deadline für Einreichungen von Textbeiträgen ist der 17.03.2019

Learning in Digital World – und in einer neuen Hochschule

Am vergangenen Donnerstag war ich Gast auf dem QPL-Workshop „Praxis trifft Forschung – Learning in a Digital World“ zu dem das Frankfurter Projekt „Starker Start“ eingeladen hatte und auf dem „Einblicke in aktuelle Forschungsprojekte“ und „fachspezifischer Transfer in die Lehrpraxis“ zum Thema Digitalisierung der Hochschulbildung im Mittelpunkt standen. Die wichtigste Botschaft, die ich aber aus dem Tag mitnehme ist, das wir „Hochschule neu denken“ müssen. Neben den Workshops zum „Data Enhanced Learning“ mit von Prof. Dr. Marcus Specht (Delft) und zur „digitalen Lehre in den Geisteswissenschaften und Jura 2030“ die durch Prof. Dr. Barbara Wolbring (Frankfurt a.M.) moderiert wurde, war es vor allem die Keynote von Prof. Dr. Susanne Weissman die bei mir einen bleibenden Eindruck hinterlassen hat. Die ganze Keynote kann im aufgezeichneten Livestream ab Minute 35:00 betrachtet werden.

Susanne Weissmann ist Vizepräsidentin an der TH Nürnberg Georg Simon Ohm und in dieser Funktion verantworlich für Personalentwicklung und Weiterbildung sowie Hochschulentwicklung und die Digitalisierungsstrategie. Einen weiteren Eindruck von Prof. Dr. Weissmann bekommt man in dem Videobeitrag für den Stifterverband „Wie Digitalisierung die Hochschulen verändert“ Sehr angenehm finde ich Frau Weissmanns Herangehen, beispielhaft zum Mentalitätswandel der Net-Generation: Das ist einerseits informiert und von wissenschaftlichen Positionen getragen, aber vor allem scheint es ihr darum zu gehen, überhaupt erst mal besser zu begreifen, was eigentlich mit den Menschen in der Digitalisierung geschieht. Und zwar ohne einerseits die Dynamik zu verkennen, die jede Erkenntnis als vorläufige umwerten kann und ohne sich andererseits sich zu einem Urteil zwingen zu lassen, weil wir uns ja doch nach einem Fundament für unser Handeln sehnen. Die zentrale Position von Frau Weissman war aber für mich:

Die Strukturen der Hochschule sind für das digitale Zeitalter („vielleicht“) nicht mehr zeitgemäß. Kluge Köpfe und kluge Menschen müssen sich die Frage stellen, wie Veränderung und Gestaltung der Hochschule „als Ganzes“ in Angriff genommen werden kann. Dies ist die mentale Neuausrichtung, zu der wir gezwungen seien, um die notwendige Reform der Hochschulen in Bewegung zu bringen, welche zwar die „umwerfenden“ (B. Böhning) Auswirkungen der Digitalisierung anerkennt aber trotzdem „nicht vom Fleck kommt“, sich „verheddert“ und mit „operativen Problemen“ zu kämpfen habe.

Eine schöne Metapher für die aktuelle Gleichzeitigkeit aus Modernisierung (des Medieneinsatzes) und Perpetuierung der (traditionellen) Lehr-/Lernkonzepte ist das von Frau Weissman angeführte „Blended Learning“ als „bequeme Antwort“ auf Digitalisierung: Man spricht von der Kombination der Stärken der beiden Ansätze, im Prinzip bleibt aber allzu oft das Lehrkonzept im Kern nicht angetastet. Die Selbststudienphasen werden medial aufgepeppt, die Methoden und das Vorgehen in der Präsenz ändert sich nicht. Man kann dieses Logik weiter führen: „Learning Management System“, „Vorlesungsaufzeichnung“ und „E-Prüfungen“ lassen sich ebenfalls unter Beibehaltung des bisherigen, jetzt medial modernisierten, Lehr-/Lernarrangements nutzen. Im übrigen ein sattsam bekanntes Phänomen an dem sich bereits Kohorten von Medien-/Bildungswissenschaftler*innen abgearbeitet haben.

Wir müssen Hochschulen nicht „digitalisieren“ sondern neu denken, um die Herausforderungen einer digitalisierten Welt zu bewältigen

Meine allererste Reaktion auf die Forderung „Hochschule ganz neu denken“ war übrigens der Gedanke „Aha, mit dem E-Learning und dem Neuen Lehren & Lernen hat es nicht so geklappt, dann fordern wir jetzt mal ‚Alles muss sich ändern‘?“ Hochschule ganz neu denken! Wo kann eine solche Diskussion geführt werden, wer ist bereit diese zu führen? Wer in einer führenden Position in einer Hochschule ist bereit, solche Prozesse zu wagen?

 

Lässt man es sich weiter durch den Kopf gehen, bekommt es allerdings immer mehr Sinn. Digitalisierung ist ohne organisatorischen Wandel nicht möglich, Wandel kann nicht ohne Veränderung in den Köpfen stattfinden. Die „Neukonfiguration der Strukturen“ ist nicht nur die wichtigste Organisationsaufgabe der Hochschulen für eine digitale Welt, sondern sie wird durch Digitalisierung auch möglich. Allerdings: „Neue Formen“ lassen sich nicht ohne einen neuen Inhalt denken. Es wäre auch notwendig die Ziele der Hochschulbildung in den Blick zu nehmen. Und ich denke, dass dies auch die sich langsam verbreitende Erkenntnis sein wird: Wir sprechen von der Digitalisierung als die Bedingung, die – zusammen mit anderen Entwicklungen – die Institutionen der Bildung zur Veränderung herausfordert.

„Hochschulbildung mit digitalen Medien“ – welcher Bildungsbegriff sollte damit verbunden werden?

Digitalisierung ist mehr als E-Learning. Sie ändert nicht nur das Medium von Vermittlung und Kommunikation sondern ist mit der Transformation der ganzen (Bildungs-)Welt verbunden. Dieser tiefgreifende Wandel verschränkt und befindet sich in Wechselwirkung mit weiteren Kennzeichen der heutigen Situation: Globalisierung, Neoliberalismus und die Notwendkeit nachhaltiger Entwicklung konstituieren zusammen mit der digitalen Transformation eine Situation, die nach einem aktualisierten Bildungsbegriff und Erneuerung der Bildungsinstitutionen verlangt.  Ein Beitrag zur #GMWdebatte

Mit dem Begriff E-Learning verband sich in der Vergangenheit für mich vor allem die Frage, wie digitale, vernetzte Medien sinnvoll in die Gestaltung von Lehr-/Lernarrangements eingebunden werden. Diese Frage war immer damit verbunden, wie diese Einbindung zur Erhöhung der Qualität von Bildung beitragen könnte, Forschung und theoretische Durchdringung zielten darauf ab, besser zu verstehen, wie dieses Ziel zu erreichen ist.
In diesem Sinne bilden die digitalen Medien „nur“ veränderte Randbedingungen und Werkzeuge für die Realisierung von Lehr-/Lernszenarien in einer ansonsten davon nicht angefassten Bildungslandschaft. Verbleiben wir bei diesem Begriff von Medien, ist die Eingangsfrage nach dem Bildungsbegriff relativ leicht beantwortet: Die Bestimmungen, Ziele und Praktiken der Bildung bleiben wesentlich die gleichen. Und dann müssen die Bestimmungen von Bildung (im Hochschulkontext), wie „Wissenschaftlichkeit“, „Kritikfähigkeit“ und „Verantwortung“ daraufhin befragt werden, wie sie an veränderte Anforderungen in einer global vernetzten, digitalisierten Welt angepasst werden. Die Diskussion um die Berufsbilder in einer automatisierten Welt ist ein Teil dieser Diskussion. Das ist nicht falsch, zeigt aber meiner Meinung nach noch nicht das ganze Bild.
Es gibt noch eine weitere Bestimmung für die „Hochschulbildung mit digitalen Medien“, eine Dimension, die dieses Verständnis ergänzen sollte und damit verändert: Werner Sesink hat dies das „Medium der Medien“ genannt, Dirk Baecker fasst dies mit Luhmann’scher Diktion als „Leitmedienwechsel“ ,bei Marshall McLuhan und Felix Stalder wird es als „Gutenberg-Galaxis“ gekennzeichnet, deren Grenzen wir jetzt erreichen. Es gibt sicher noch mehr Bestimmungen, die diesen Prozess so oder ähnlich beschreiben.
Wissenskathedralen?

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Diese Analysen beinhalten, dass der Begriff „Bildung“ in der Tiefe mit den gesellschaftlich verfügbaren, dominanten medialen Vermittlungsformen korrespondiert. Es konturiert sich hiermit ein Prozess vor unseren Augen, der gar nicht so brandneu und disruptiv ist, sondern mit der Entwicklung der Moderne (westlicher Prägung) einhergeht: Die – wieder nach Sesink – „Umkehrung der Schreibrichtung“ von Wirklichkeit und der sich auf diese beziehende Kommunikation. Wir „sind“ nicht mehr nur in der Welt, sondern wir „machen“ Welt. Das geschieht nicht nur, aber sehr wesentlich auch durch den Mediengebrauch (die wir btw. auch wieder „selbst“ erschaffen), das „Anthropozän“. Das uns dieser Prozess heute so deutlich und mächtig vor Augen steht liegt vielleicht am „Fisch-Wasser“-Phänomen (vgl. David Foster Wallace: „Das ist Wasser“), Damit ist die Schwierigkeit gemeint, dasjenige Medium wahrzunehmen in dem Erleben und Wahrnehmung vollständig eingebettet sind.
Das lenkt die Aufmerksamkeit auf das „Neue“, auf Digitalisierung als Kennzeichen einer Epoche, die vielleicht am Ende gar nicht mehr so benannt werden wird (Ich frage mich, ob die Menschen im 19. Jahrhundert ihre Zeit als „Industrialisierung“ wahrgenommen haben?). Was Digitalisierung ausmacht, welche Neuerungen und Verschiebungen damit einhergehen und wie wir gestaltend darauf einwirken können, sind die großen nur in Ansätzen beantworteten Fragen. Gleichzeitig befinden wir uns in einer Situation, in der sich die ökonomischen und machtpolitischen Widersprüche in der Welt zuspitzen und die mit der alles überschattenden Aufgabe konfrontiert ist, eine Lebensweise zu entwickeln, die den Planeten nicht bis zur Unbewohnbarkeit vernutzt. Der Begriff der „Bildung“ wird dadurch quasi von zwei Seiten aus in Frage gestellt:
  • Erstens gilt es, die Inhalte und Ziele von Bildung so zu formulieren, dass sie menschliche Entwicklung wirklich unterstützt. Ich interpretiere bspw. auch den Weltbildungsbericht der OECD dahingehend, dass es nicht mehr nur um ein „mehr“ an Bildung gehen darf, sondern auch um eine qualitative Weiterentwicklung der Bildung (vgl. UNESCO 2016: „Bildung für Mensch und Erde. Eine nachhaltige Zukunft für alle schaffen.“ ). Aus meiner Sicht bilden die „vier C’s“, wie sie aus den Überlegungen zum „21th century learning“ heraus formuliert wurden, bei aller Kritik gute Eckpunkte, die Diskussion um Inhalt und Form von Bildung zu aktualisieren: Communikation, Collaboration, Creativity und Critical Thinking können wirkungsvolle Leitgedanken für eine Erneuerung Bildung werden.
Lernen für die Zukunft

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  • Zweitens ist es notwendig, die innere Struktur des Bildungsbegriffs mit den Gegebenheiten der heutigen Welt in Einklang zu bringen. Dem – vor allem in Hochschulen stets als Referenz anwesenden – klassischen, (neu)humanistischen Begriff der Bildung ist die Entwickungsfähigkeit, Selbstverantwortung und das Lebensrecht des Menschen immer auch inhärent gewesen. Vieles davon ist mit den Grundgedanken von Kompetenzentwicklung, Kritik- und Reflexionsfähigkeit, lebenslangen Lernen und Orientierungsfähigkeit aktualisiert worden. Auch mit dem „Shift from Teaching to Learning“ sowie „Lernendenorientierung“ bzw. „Lernendenzentrierung“ werden Sinnhaftigkeit und Einklang mit Lebensinteressen zu Orientierungspunkten von Bildung und Lernen. Hier würde es meines Erachtens nach darum gehen müssen, diese Bestimmungen nicht nur als bildungsphilosophisches Statement zu (re)formulieren, sondern deren Bedeutung für die eine humane Bildung in einer digitalisierten Welt herauszuarbeiten.

Digitalisierung der Bildung für eine bessere Welt


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In der Diskussion über den richtigen Weg in der Digitalisierung der Bildung hat sich mir in den letzten Monaten die Frage nach der Bedeutung von Krisen oder „krisenhaftem Zustand der Welt“ für diese Diskussion intensiv gestellt. Das der Zustand der Welt nicht gut ist und es einen dringenden Veränderungsbedarf gibt, diesen Eindruck teilen inzwischen viele Menschen. Das Bildung – in einem umfassenden Sinn – damit etwas zu tun hat oder zu tun haben könnte ist für die meisten Menschen auch irgendwie plausibel. Und drittens ist es inzwischen auch deutlich, dass mit der Digitalisierung der Bildung nicht nur neue didaktisch-methodische Möglichkeiten gemeint sein können, sondern dass es im Zuge dieser Veränderung auch um Definitionen, Ziele und Inhalte dessen geht, was unter Bildung verstanden werden soll.

Hochschul-Bildung und die „Besserung der Welt“

 Crisis what Crisis?
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Der Begriff der Bildung im Kontext der (deutschen) Hochschule ist fest mit der neuhumanistischen Bildungskonzeption verbunden. Daran schließt unter anderem die Frage an, ob und wie Bildung einen Anteil daran haben soll und haben kann, die menschlichen Verhältnisse insgesamt zu verbessern und zum Fortschritt der Menschheit beizutragen. Diese Auseinandersetzung zieht sich durch die letzten 200 Jahre und ist heute ebenso virulent. Beispielsweise entlang der Diskussionslinien um „Bildung“ vs. „Kompetenz“, wobei Kompetenz in der Regel als Gegenbild zur Bildung interpretiert wird und mit „Employabiltiy“ und „Selbstoptimierung“ als systemkonformen Bildungssurrogaten identifziert wird (vgl. A. Dörpinghaus in Forschung und Lehre). Aber auch die gesellschaftspolitisch neutralen bis affirmativen Haltungen, die in weiten Teilen des Wissenschaftsbetriebs herrschen, bestärken den Eindruck, dass die kritisch-gesellschaftsgestaltende Kraft in den Reihen der akademischen Elite des Landes schwach ist. Das äußert sich unter anderem im Erschrecken darüber, dass populistisch-postfaktische Positionen Mehrheiten mobilisieren können und die damit Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler zu Protestmärschen treiben. Auch in prominenten Diskussionsrunden beispielsweise anlässlich des Tags der Lehre am 16.04.2018 der Humboldt-Universität in Berlin wird das Fehlen der kritischen Einmischung aus der Universität heraus und dem Mangel visionärer Gestaltungskraft in der Universität selbst einmütig beklagt. Das kritische
Behandlung der gesellschaftlichen Entwicklungen und Hinarbeiten auf die Verbesserung der menschlichen Verhältnisse ein Anteil des Bildungsbegriffs ist, der nicht folgenlos herausoperiert / ignoriert werden kann, merkt man, wenn man sich das Gegenbild, nämlich einen jeder Utopie entsagenden Bildungsbegriff vor Augen führt: Es liefe auf die Zurichtung der Bevölkerung im Sinne der Aufrechterhaltung des Status Quo hinaus, eine Art kulturelles Klonen.
Angela Merkel Juli 2010 - 3zu4
„Viele Menschen empfinden, dass
die Welt aus den Fugen geraten ist“
(Angela Merkel auf dem
CDU-Parteitag im Dezember 2016)
In der Geschichte der Erziehungswissenschaft hingegen war und ist der utopisch-humane Anteil von Bildung ein zentrales Motiv. Für die kritische Erziehungswissenschaft geht es um eine Pädagogik,

„die nicht in der ‚Besserung‘ des Zöglings, in der Perfektibilität des Edukandus ihr erstes und einziges Ziel erblickt, sondern deren Interesse über das gesellschaftliche Handeln des ‚Zöglings‘ auf Zustand und Wandel (‚Besserung‘) der Gesellschaft und ihrer Verhältnisse gerichtet ist;…“ (Schäfer & Schaller 1973. Kritische Erziehungswissenschaft. S. 9).

Digitalisierung der Bildung ist mehr als E-Learning

„Digitalisierung der Bildung“ ist ein vielschichtiger Prozess. Es ist mehr als das, was wir unter „E-Learning“ im Sinne von „technologiegestützter Lehre“ bisher verstanden haben. Digitalisierung der Bildung umfasst die Organisation und Verwaltung von Bildung wie die Frage, welche Bildungsziele und Bildungsinhalte in einer digitalisierten Welt von Bedeutung sind. Für die akademische Bildung, bzw. Hochschulbildung ist die Digitalisierung der Bildung das Zusammenwirken von 1) automatisierten, softwaregestützten Verwaltungsprozessen („Kernprozessen von Lehre und Studium“), 2) mit digitalen Werkzeugen unterstützter Lehre („E-Learning“) und 3) den Veränderungen die sich in den Fachwissenschaften in einer digitalisierten Welt ankündigen. Die Frage wie dieses Digitale Ökosystem gestaltet und in welche Richtung es sich insgesamt entwickeln soll ist keine Frage von Lehrgestaltung mehr, sondern von Hochschulstrategie. Daher werden sich die damit verknüpften Fragen auch nicht aus mediendidaktischer Perspektive alleine beantworten lassen sondern muss sich mit Bildungstheorie und Erziehungswissenschaft beraten. Von der bildungstheoretischen Position aus betrachtet erschließt sich die Diskussion um den richtigen Weg der Digitalisierung erst, wenn sie mit Bildungszielen verknüpft wird. Wir müssten beschreiben, mit welchen Ziel wir „Bildung digitalisieren“ wollen und wir müssten dies in den Dimemsionen und Kategorien von Bildung beschreiben.

Die Welt muss besser werden, wir müssen darin besser werden, die Welt zu verbessern

Die Welt ist in einem schlechten Zustand. Die permanente Krise scheint der Normalfall zu sein und in dieser Zustand der Schwebe zwischen Zuspitzung und Stagnation, zwischen „Heilung und Tod“ führt zu Abstumpfung und dem Gefühl des Ausgebranntseins (so bspw. eine Analyse in der ZEIT). Man kann der Meinung sein, dass die Krisenhaftigkeit vor allem eine subjektives Phämomen ist, das sich in einer Zeit entgrenzter Berichterstattung vor allem  beim zu langen Schauen auf Displays jeder Art konstituiert. Andererseits sind aber auch gefühlte Krisen echte Krisen, die in der Welt wirkmächtig werden können. Weiterhin gibt es mindestens eine Krise, die echt aber kaum gefühlt ist und die durch Ignorieren und Abwarten nicht verschwindet: Der Klimawandel wird ohne Gegensteuern zu katastrophischen, menschen- und lebensfeindlichen Bedingungen führen und ist damit DIE Herausforderung für Menschheit – vielleicht der Punkt an dem sich Menschheit überhaupt erst formiert. Oder untergeht. Die himmelschreiende Ungerechtigkeit und das ungehemmte Auseinanderdriften der Verteilung der Lebenschancen und Lebensqualität bei gleichzeitiger Explosion technisch-wissenschaftlicher Erkenntnisse und Gestaltungsmöglichkeiten, diese offenbar fehlende Gestaltungsfähigkeit wirkt zutiefst frustrierend und höhlt die Glaubwürdigkeit und  Humanität gleichermaßen aus.

Digitale Bildung für eine bessere Welt!

Lisa Rosa schrieb 2016 über die Möglichkeit, andere Bildungsziele und digitale Bildung zusammen zu bringen:
„Diese neuen Lernziele sind die neue Stufe des Humboldt, ein Humboldt 2.0 sozusagen – und wir müssen ihre Umsetzung als Meilenstein auf dem Weg in eine bessere Gesellschaft einfordern und ihre Reduktion auf dieselbe ökonomische Verzweckung durch den Kapitalismus bekämpfen, die schon im 19. Jh. die Humboldtschen Vorstellungen ereilt hat. Dazu müssen wir zeigen, wie.“
Wir haben einerseits eine Tradition und eine Praxis des Bildungsbegriffs, der die Veränderung der Welt zu einem Besseren hin einschließt. Wir sind weiterhin im Kontext der Digitalisierung gefragt, technologische Innovation mit gesellschaftlicher Innovation zu verbinden, wenn wir für die digitalen Herausforderung auf gleicher Ebene Lösungen suchen: Bildungsberatung, Weiterbildung, Ausweitung von Informationskompetenz – das sind alles sinnvolle Maßnahmen, es braucht aber auch eine große Idee, um in dem Trubel der Veränderungen Kurs zu halten. Heute wurde hier auf der re:publika 2018 die digitale Transformation in ihren Auswirkungen mit der ersten industriellen Revolution verglichen, als eine die Menschen und ihre Verhältnisse umwerfende Erfahrung. Es geht darum die Chancen, die darin liegen, dass alles in Bewegung gerät, für nachhaltige, weitreichende und menschliche Entwicklung zu nutzen: Digitale Bildung für eine bessere Welt!